Er gab das Papier an Christoph Attermann, und der gab es an die Frauen. Und es war, als ob Frau Christiane mitten unter sie getreten wäre in ihrer nicht zu beugenden Stolzheit und Frische.
»Über Weihnachten will ich bei ihr sein,« sagte Martin Opterberg, und hinter ihm sprach Linde Baumgart ein lautes »Gott sei Dank.«
»Du willst mich los sein, Linde?« fragte er.
»Wiederhaben wollen wir dich. Angefüllt mit ganz frischem Tatendrang. Dafür laß ich die Mutter sorgen.«
»Die Mutter …« wiederholte Martin Opterberg und sah ihr lächelnd in das erhitzte Gesicht. »Es wird schon so kommen, Linde,« fuhr er helfend fort. »Die Mutterquelle gibt Wasser, und wenn der ganze Rhein zu versiegen scheint.«
Mit Christoph Attermann machte er sich auf den Weg zur Werft. Eine Spannung stand in seinen Zügen, wie er sein Werk wiederfinden würde. Aber vergebens horchte er auf das Kreischen der Säge und den hallenden Hammerschlag.
»Ist heute Sonntag, Christoph? Mir ist der Kalender durcheinandergeraten.«
»Es ist jetzt mehr Sonntag als Werktag im Land. Der Arbeiter- und Soldatenrat des Orts hat eine Versammlung in die Werfthalle einberufen. Es sind lustige Kameraden.«
»Gibt es das in dieser schweren Deutschlandszeit unter Männern?«
»Unter Männern gewiß nicht. Aber unter den Buben, die schon im Advent ein Fastnachtstück aufführen, weil sie nicht wissen, ob’s am Rosenmontag für sie noch geht. Ernsthaft gesprochen, Martin. Ich erläuter’s dir. Als die Revolution ausgeläutet wurd’, waren die meisten der Männer noch im Feld, die Alten zu verwirrt und unbeholfen und die Jungen trunken vom Freiheitsrausch. Da die kopflos gewordenen Behörden mit einem Schlag außer Geltung gesetzt waren, rannten die frisch eingezogenen Rekruten aus ihren Standplätzen einfach nach Haus, spielten, obwohl sie noch keine Flinte abgefeuert hatten, den wilden Revolutionskrieger, ließen sich mancherorts von irgendeiner Oberleitung, die in dem Wirrwarr noch keine Nachprüfung vornehmen konnt’, die Bestallung als Soldatenrat verleihen und übernahmen die Ortsgewalt über Ruhe und Ordnung. Bei uns sind’s ein halbes Dutzend Jünglinge im Alter von knapp zwanzig Jahren und der Nachtwächter. Das erste war, daß sie die Arbeit stilllegten, weil ein freier Mann doch nicht seine Freiheit ausüben kann, wenn er arbeitet. Das zweite war — oder war’s doch gar das erste — daß sie sich aus der Gemeindekasse einen auskömmlichen Gehalt bewilligten, und das dritte, daß sie seit der Zeit nicht mehr ganz nüchtern geworden sind aus Furcht vor der eigenen Kurasch. Eingeführt als Verkehrston haben sie das gemütvolle ›Du‹ und die unter die Nase gehaltene Handgranate, was beides aber zur Hebung der Ortsgewalt nur von ihrer Seite ausgeübt werden darf. Das wäre das äußere Bild.«