Der Intendant zögerte und machte Ausflüchte. Die Leute schlenderten herbei, horchten auf und waren sofort für die verminderte Arbeit. Der Intendant warf einen Blick auf die herumliegenden Güter, seufzte in Gedanken an die Scherereien eines überhasteten Verladens tief auf und gab den Aufsehern Befehl, ein Verzeichnis herzustellen.
Die letzten, halbgeleerten Wagen wurden abgekoppelt. Martin Opterberg erhielt ein paar hundert Sack Mehl, Graupen und Hülsenfrüchte, ein paar hundert Kisten Nudeln, Zucker, Backobst und Büchsenfleisch, einen Rest Kaffee und Tee, dazu die sechs lebenden Rinder. Die Preise waren von einer Niedrigkeit, daß ihm das Herz lachte. Er bat durch den Fernsprecher Christoph Attermann, in der Nacht noch mit den Männern des neugewählten Rats herüberzukommen, und zwar auf einer Maschine des Güterbahnhofs, die sofort anzuheizen sei. Der Bahnhofsvorsteher, der selber Gemeindemitglied sei, würde für die wenigen Kilometer schon ein Einsehen haben.
Es gelang. Bis zur Ankunft der Maschine saß Martin Opterberg mit dem Intendanten zusammen, und sie fanden sich als alte Bekannte aus dem Felde. »Gott erhalte uns die Kameradschaft,« sagte Martin Opterberg zum Abschied und drückte dem Intendanten warm die Hand. »Dann werden wir Deutschland schon wieder auf die Beine kriegen.«
In der Morgenfrühe waren sie daheim. Die Wagen wurden auf dem Anschlußgleis vor der Werfthalle entladen, die Waren eingeräumt und nach der Gemeindeliste auf die Haushaltungen verrechnet. Die Preise betrugen kaum ein Drittel der gegenwärtigen Tagespreise.
»Das alles sieht aus wie ein Zauberkunststück,« belehrte der Bekenner die schwitzenden Kameraden, »und kommt doch nur auf den richtigen Mann an der richtigen Stelle an. Und den habt ihr mir zu verdanken. Darüber gibt’s nun mal keinen Streit.«
»Ja, ja, ja. Hännes, der neue Rat taugt schon mehr als der alte.«
Und Linde Baumgart wurde Martin Opterbergs Gefährtin. Die flinksten und saubersten Mädchen des Ortes brachte sie zusammen und schulte sie ein. Und sie stand von morgens bis abends in der Werfthalle, wog ab, teilte aus, überwachte das Vorwärtsschieben der Menge, brachte mit ihrem lustigen Wort die Unlustigen zum fröhlichen Lachen, mit ihrer Unermüdlichkeit die Müden zum munteren Schaffen. »Denkt an die Weihnachtsfreud’! Denkt an die Weihnachtsfreud’!« rief sie immer wieder in die harrenden, drängenden Haufen, und die Menschen bliesen in die rotgefrorenen Hände und trampelten sich vergnügt die Füße warm.
Nach Hausnummern ging’s, und in fünf Tagen war’s geschafft. Aber die kalten Nächte hatten mitherangemußt. Nun konnte Martin Opterberg zur Mutter reisen.
»Ohne dich hätt’ ich’s nicht zuweg gebracht,« sagte er dankbar, als er sich in der letzten Nacht von Linde Baumgart verabschiedete.
»Siehst du wohl?« lachte sie, drückte seine Hand und schlüpfte in ihr Zimmer. — —