Auf großen Umwegen nur hatte Martin Opterberg die Reise bewerkstelligen können, denn das Rheintal war von den Truppen der feindlichen Besatzungsheere gesperrt. Drei Tage und drei Nächte brauchte er zu der Fahrt, die vordem eine Schnellzugstagesfahrt ausgemacht hatte. Aber zum Weihnachtsabend noch traf er auf dem Opterberghof ein. Und nun saß er bei der Mutter.
Die starke Erregung, die bei Mutter und Sohn das Wiedersehen ausgelöst hatte, war einem stillen Frieden gewichen. Den ganzen Abend über hielt Martin Opterberg die Hand der Mutter in der seinen, und mit der freien Hand strich Frau Christiane von Zeit zu Zeit heimlich und zärtlich über des Sohnes Ärmel. Dann schloß er für Sekunden die Augen, als müsse er die ungewohnte Liebkosung wie ein Träumender auskosten.
Die Zeit hatte Frau Christiane Opterberg nichts anzuhaben vermocht. Wohl war der Schein ihres strohgelben Haares ein wenig matter geworden, aber immer noch krönte es in schwerer Fülle das Haupt, aus dem die Augen in der kristallklaren Farbe des jungen Rheins blickten, und die Frauenreife des Körpers hatte trotz der Jahre die Spannkraft und Biegsamkeit ihres Mädchenkörpers behalten. Nur die Raschheit hatte sich verloren. Aber die Gelassenheit, die sie allen Dingen und Vorkommnissen gegenüber zur Schau trug, war nur ein Schein, und es glitt zuweilen wie verhaltene Laune um ihren Mund, die besser als sprudelnde Worte kundtat, was Frau Christiane im Innersten bewegte.
»Es ist halt nichts so trauerspielmäßig, als daß es nicht wieder zum Singspiel umschlagen könnt’,« meinte sie in ihrer lebensklaren Art, als der Sohn ihr am Weihnachtsabend hatte erzählen müssen. »Es kommt lediglich darauf an, wie man selber das Spiel zu betreiben gedenkt, ob mit Asche auf dem Haupt, oder mit einer frischgepflückten Nelke hinterm Ohr. Man kann sich bei der Beerdigung eines Freundes selber mitbegraben, man kann sich aber auch just am frischen Hügel das Gelöbnis ablegen. Nun wird noch lange nicht gestorben! Nun wird das Leben erst recht in die Hand genommen, damit’s sein Bestes hergibt vor dem törichten Tod.«
Sie lachte in sich hinein.
»Ich hab’ einmal von einem lustigen Gesellen den Trauermarsch von Chopin spielen hören, ohne daß er eine Note verändert hätt’, nur in einem flotteren Zeitmaß, und der alte Trauermarsch klang wie eine funkelnagelneue Aufforderung zum Tanz.«
»Ich versteh’ dich, Mutter, und hab’s mir selber schon so ausgelegt. Nicht hinter dem unwiderruflich Abgeschiedenen herjammern und in die Knie knicken. Wer lebt, hat nur die eine Pflicht: nämlich zu leben und sein Leben so aufzubauen, daß es Wert für ihn hat und für seine Zeit.«
»Siehst du,« sagte Frau Christiane, »damit hätten wir eigentlich alles besprochen, was es zwischen uns an Wichtigem zu besprechen gäb’. Was wir nun noch daherreden, sind die schönen Randverzierungen.«
»Red nur daher, Mutter,« bat Martin Opterberg lächelnd und streichelte ihre kräftige Hand.
»Gelt, du bist auch den Randverzierungen nicht abhold? Der Schuß Vatersblut in dir ist nicht das schlechteste Erbteil, ob wir beide auch früher einmal ein wenig darum gebangt haben mögen. Denn Freud’ muß der Mensch haben, oder er tut sein Tagewerk wie ein Öchslein unterm Jochbalken.«