»Erzähl mir ein wenig von der Freud’, Mutter. Ich werd’ schon gut hinhorchen.«
»Du möcht’st mich wohl ausspionieren, Bub?« erwiderte sie lachend und klopfte ihm kräftig den Rockärmel.
»Ausspionieren? Ist denn der Gegenstand so heikel?«
»Nun steigt mir wahrhaftig die Röt’ ins Gesicht. Ach was, ich bin doch zuletzt kein jung Mädchen und du kein Hosenlupf. Ich bin deine Mutter und vermag drum sogar Gegenständ’ mit dir zu besprechen, die einen Pastor in Beklemmungen versetzen könnten. Wenn ich von der Freud’ red’, so mein’ ich halt: die größte Freud’ für den Mann ist doch das Weib.«
»Es könnt’ wenigstens so sein, Mutter.«
»Es könnt’ nicht nur so sein, es ist so, Bub. Denn wenn ich von eines Mannes Weib sprech’, mein’ ich den getreuen Kameraden in gleichem Schritt und Tritt und nicht einen Herumfeger oder gar eine Schlampampe. Ich sag’s, wie ich’s weiß, und hab’s an mir selber und einem anderen erfahren, und du wärst mittlerweil’ auch alt genug dazu geworden.«
»Also wie muß sie ausschauen, Mutter?«
»Garnicht muß sie ausschaun. Darauf hast du wohl die Prob’ selber gemacht, daß das bloße Ausschaun erst in der zweiten Linie kommt. Aber das Herz muß sie auf dem rechten Fleck haben, besonders wenn’s der Mann gerad beansprucht, und es nicht beleidigt auf die andere Seit’ schieben, wenn er auch andere Dinge mal im Kopf hat. Und den Verstand muß sie an der rechten Stell’ haben, daß sie an allem ihren Anteil nehmen kann, was des Mannes Wesen und geistiges Leben ausmacht, ohne aber, daß sie nun gleich als die Belehrerin und Besserwisserin auftreten will, denn dann wär’ ja für den Mann die Freud’ des Starken dahin. Und lieb muß sie ihn haben, und wenn’s Hühnereier hagelt.«
»Also hübsch braucht sie nicht zu sein, Mutter?«
»Nicht hübsch?« sagte Frau Christiane erstaunt. »Ja bist du denn von einem anderen Stern, auf dem die Menschen Astralleiber haben? Natürlich muß sie für den Mann, der sie heiratet, hübsch sein und sehr sogar, aber nur für den Mann, und wenn sie für die anderen nur als ein Meerwunder mitdurchläuft. Für den einen Mann aber muß sie so hübsch sein, daß es in allen seinen Sinnen singt und klingt, wenn er sie daherschreiten sieht, und ein Freuen in ihn kommt vom Herzen bis in die Kehle, als stünd’ der Atem still. Laß du die Frommen im Land von der Abtötung der Sinne faseln — was weiß ein Frosch vom Falkenruf in der Luft anders, als daß er Angst vor ihm hat. Sind die Sinne nicht mit im Spiel, so ist’s eine Laute mit gesprungenen Saiten.«