»Und schlank und rank muß sie sein,« fuhr Martin Opterberg fort, »und braunes Haar muß sie haben mit einem Sonnenkrönlein drin, wie bei ihrer Schwester, und ihre Augen müssen blitzen vor Lust am Leben, und aus der Stadt Karlsruhe muß sie sein.«

»Martin —,« sagte Frau Christiane, »da bringst du mich auf eine Fährte.«

»Laß gut sein, Mutter. Noch ist der Friede nicht unterzeichnet. Und ich möcht’, wenn’s einmal übermächtig in mir wird, mein Glück in Frieden haben.« — —

Bis zum neuen Jahr blieb Martin Opterberg, und er saß auf der Bank über dem brausenden jungen Rhein und saß im Giebelstübchen des Turmes, das den Ausblick bot über die Schwarzwaldberge und hinaus zu den geheimnisvoll lockenden Ketten der Alpen, die den Vater angezogen hatten Tag und Nacht. Aber Martin Opterbergs Blicke schweiften nur nach den Schwarzwaldhöhen, als forschten sie, ob dort die Jugendwege noch liefen …

»Zum Sommer kehr’ ich wieder, Mutter,« sagte er beim Abschied. »Es zieht mich mächtig …«

Und wieder ging es im Bogen um den Rhein zurück, dessen Ufer nicht von den Deutschen aus deutschen Landen betreten werden durften und nur von den Negern vom Senegal und ihren weißen Brüdern. Die Wagenabteile waren gedrängt voll Menschen, und es herrschte so viel Gelächter und Geschrei, als gingen diese Überlauten alle auf eine rheinische Kirmesfahrt.

Martin Opterberg ließ schweigend seine Blicke wandern. Wer waren diese Leute? Ein neues Volk? Ein neues Geschlecht aus dem alten? Er musterte Gesichter und Kleider, fing Sprache und Bewegung auf. Nein, es war kein neues Volk und kein neues Geschlecht. Es waren die Dunkelmänner, die zu allen Zeiten in schmierigen Hintergassen ihre Geschäfte betrieben hatten und nun bei dem großen Kopfüber auf die Höhe geraten waren. Nur daß sie nicht mehr mit Lotterielosen handelten und mit unzerreißbaren Hosenträgern, nicht mehr um ein erbärmlich Stück Vieh feilschten oder auf Pfänder liehen … Und es waren Gewerbetreibende und Kaufleute aller Art, die gestern noch eine Hose gewendet oder ein Viertelpfund Kaffee ausgewogen hatten und heute, wie aus ihren großtönenden Reden hervorging, Tuche, Lebensmittel, Kohlen und was das notleidende Volk bis zu den Düngemitteln brauchte, in Wagenladungen aufkauften und mit Wuchernutzen weiterverhandelten. Die meisten staken in feinen, neuen Kleidern, manche in weichgefütterten Pelzröcken, gaben sich das Ansehen von Baronen und entgleisten in die Gewohnheiten von Pferdeknechten. Ihre Frauen trugen kurze, knisternde Seidenröckchen, die kaum über das Knie reichten und oft seltsam geformte, immer aber mit durchsichtigen Seidenstrümpfen bekleidete Beine aufwiesen, während die Hände, von den traurigen Fingernägeln abgesehen, im Schmucke von Brillanten glänzten. Und alle diese Herren und Damen zogen aus feinen neuen Lederkoffern Kognakflaschen und Straßburger Gänseleberpastete und Schokoladensüßigkeiten jeder Art hervor und schmausten und redeten mit gefüllten Mündern aufeinander ein und kreischten vor Vergnügen auf, daß sie sich fast verschluckten. Viele waren im Besitze von Ausweisen, die den Stempel einer der fremdländischen Besatzungsbehörden trugen und die Erlaubnis verliehen, um einer besonders starken Lebensnotwendigkeit willen auf eine kurzbefristete Zeit auch das Rheintal besuchen zu dürfen. Jetzt aber fuhren sie zum Einkauf oder einer Warenverschiebung in das Hinterland. Andere ließen sich auf das Genaueste in die Geheimnisse der Paßerlangungen einweihen und warteten dafür mit den Geheimnissen des Schleichhandels auf. Einer sprach von den Loslösungsbestrebungen zugunsten einer rheinischen Republik. »Ob sie sagen, dat Rheinland sollt’ pfäffisch gemacht werden oder welsch — die Hauptsach’ is, dat wir von den verfluchzigen Vermögenseinziehungen verschont bleiben un unser sauer verdient Geld in Ruhe verzehren können.« Und seine Zuhörer stimmten ihm mit vollen Mündern bei.

Da erhob sich Martin Opterberg, angeekelt von all dem würdelosen Schmarotzertum am Körper des hungernden und frierenden Vaterlandes und ging in eine niedere Wagenklasse hinüber, in der blasse und abgehärmte Menschen in scheuem Ton, als berührten sie das Allerheiligste, von dem Heldentod ihrer Söhne und Brüder sprachen, deren Leiber in Frankreich moderten, in Polen, auf dem Balkan, in Palästina oder unbekannten Ortes auf dem Meeresgrund …

Im unbesetzten Düsseldorf stieg er zum letzten Male um und ging, um die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hinzubringen, in die Stadt hinein. Vor einem vornehmen Hotel winkte ihm ein Herr in langem Gehpelz, auf den der weiße Patriarchenbart ehrwürdig niederwogte, munter zu.

»Der Herr Doktor Opterberg, wenn ich nicht irre?«