»So weit also ist es mit dir gekommen, Opterberg, daß du meinst, der Pinselstiel müsse Schwielen in den Händen hinterlassen? Wollen wir uns den Professorentitel an den Leib arbeiten und als Lichter auf dem Leuchter stehen, damit alle Welt uns erkennt und uns mit ihrer Hochachtung die tausend kleinen und großen Freuden unseres Lebens verkümmert? O du Abtrünniger, der klingende Erfolg, der kommt mit Naturnotwendigkeit wie der Blitz, wenn die Luft am dicksten ist. Gott verläßt keinen Maler. Und wenn’s dann in Strömen gießt, stellen wir unsere Regentonne hinaus.«

Arnold Opterberg reckte den Arm über den Tisch. Er griff nach dem Glas. »Düsseldorf soll leben!« und das Wort verschlug ihm fast die Stimme.

»Soll leben, soll leben!« jubilierten die Gäste. »Wer es nur immer in solchem Weine leben lassen könnte. Opterberg, Opterberg, wären wir du, wir schmissen die Hacke stieloben auf den Kartoffelacker, versilberten den ganzen Kram und kauften uns einen Malerhut. Denke, wie wonnesam es schon mit leerem Geldbeutel war, denke, wie unaussprechlich schön es erst mit einem straffen Beutel voll Zechinen werden wird. Freundesarme, Mädchenherzen, alles öffnet sich dir entgegen — und die Kunst hat dich wieder.«

»Eure Kunst — das Leben als einen einzigen Karneval zu nehmen.«

»War es nicht auch die deine? Hast du sie nicht mit solcher Meisterschaft betrieben, daß wir anderen armselige Stümper neben dir waren? Liefen dir nicht die Mädchen in hellen Haufen zu, und schlugen sich nicht die Wirte darum, dir ankreiden zu dürfen? Ach, Opterberg, dieses ›König Wikking sein‹ auf allen Meeren des Lebens, immer den Enterhaken in der Hand. Segel in Sicht, Kapitän, backbord voran! Stolze Fregatte oder niedliche Brigg? Einerlei! Alle Segel hoch! Drauf und dran! Und dann das Lösegeld —«

»Wenn ihr nur,« lachte Arnold Opterberg fliegenden Atems, »mit dem Pinsel halbwegs so malen könntet wie mit dem Maule! Aber malt nur weiter! Malt alle Regenbogenfarben in die Luft! Es behagt mir schon, es behagt mir, und morgen sind sie mit dem Wein verdunstet.«

»Nein, Opterberg, sie sind echt, so echt wie wir selber, und mehr kann kein Mensch von sich und seinem guten Stern verlangen, als sich die Dinge in den persönlichsten Sehwinkel rücken zu dürfen. Hat das Leben eine Berechtigung, uns wie Narren zu behandeln? Oho, umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir packen den Gaul beim Kopfe und sitzen kopfüber auf. Mag er rennen, wir reiten! Wohin ist einerlei. In die Freiheit geht’s immer, in die Freiheit und die Freude. Und du, Opterberg, was tust du? Es hat den hohen Herrn in einer Laune gelüstet, eine andere Maske vorzubinden, als biederer Landmann die Dunggabel zu schultern und die Felder zu bestellen und am Feierabend Weib und Kind und Ingesind das tägliche Brot vorzuschneiden. Menschlein, Menschlein, man hat dich falsch beraten, die Maske steht dir nicht, der Löwe ist ein Fleischfresser und kein Körnerbeißer, das sagte dir schon der selige Brehm. Quousque tandem, Catilina? In der Vollkraft der Jahre — wach auf und erkenne dich selbst!«

In dem rotbraunen Gesichte Opterbergs blitzten die Augen wie helle, heiße Flammen. Die Ellenbogen aufgestemmt, saß er und lauschte. Vor ihm gaukelten die Bilder der Erinnerung. Eine lange, lange Kette. Eine Kette —? Ein Rosengewinde war’s. Ein Rosengewinde. Die Kette kam später. Nein, doch nicht. Was war’s denn? Farbe bekennen, Farbe.

»Alles gut, alles gut,« rief er in den Stimmenschwall. »Aber von der Hauptsache redet ihr nicht. Talent muß der Künstler haben, Talent, wenn er schon die übrige Welt als Kegelschub behandeln will. Oder besser noch: Genie! Ich hab’s nicht. Nicht das eine und nicht das andere. Ja, wenn ich es hätte, wenn ich es hätte …«

Die Gäste wehrten ihm sprachlos mit den Händen. Offenen Mundes sahen sie ihn an, wie man einen Kranken, einen Verstörten anzusehen pflegt. Dann redeten sie wirr durcheinander.