»Du kein Talent? Weil du bisher keinen Gebrauch davon machtest? Weil du in aller Ruhe das Weltbild in dir reifen ließest, statt dich als Wunderknabe zu verzetteln? Weil du die seligsten Jahre in dich hineintrankst, um zunächst einmal die eigene Seele aufzufüllen, bevor du dich an die Auffüllung der anderen Seelen heranmachtest? Wer war wertvoller, du oder das Philistergehumpel? Du kein Talent? Hast du denn überhaupt schon mal in den Spiegel geschaut? Herr Gott noch, mit solchem Kopf, und mit solchen Augen erst, malt man sich schon das Glück aller Erdteile auf der Leinwand der Welt zusammen, ohne auch nur einen Groschen für eine Farbentube zu verschwenden.«
»Unsinn redet ihr, Unsinn!«
»Weshalb hörst du denn unserem Unsinn zu mit Augen wie ein kreisender Habicht? Weil du spürst, daß das, was für einen Schafbock Sinn bedeutet, für einen Steppenhengst den unverfälschtesten Unsinn darstellen würde. Weil du die Frühlingsluft witterst und die Luft der Freiheit, die einzige Luft, die Menschen deines Schlages zuträglich ist. Opterberg, uns hat in diesem schönsten aller Frühlinge dein guter Geist hergesandt. Ermanne dich, und wär’s nur zu einer Probe aufs Exempel. Heraus aus der Maskerade. Heraus aus dem Bauernkittel, und in die Wanderstiefel hinein. Schließ dich uns an, Bruderherz, zu dritt über die Pässe, fahr wohl, züchtig vernebeltes Nordland, gegrüßt, du paradiesisch seliges Land Italia! Opterberg, Opterberg, zehn Eide gegen einen: die Kartoffeln wachsen hierzuland auch ohne dich, und deine fürtreffliche Hausfrau wird feierlich zum Reichsverweser und noch feierlicher zum Reichsschatzkanzler ernannt.«
»Grüß Gott, ihr Herren, grüß Gott! Ja, aber — wie ist mir dann? Schaut Arnold Opterbergs Eheliebste gar so grauslich aus wie ein herbes Erdenweib, daß es Sie aus allen Himmeln reißt?«
Mitten im Giebelzimmer stand Frau Christiane, das strohgelbe Haar in breiten Flechten um den Kopf gewunden, und lachte aus ihren klaren, blauen Augen den Männern lustig ins Antlitz. Noch immer hockten die fremden Gäste wie verschlagen auf ihren Plätzen und starrten dies Bild der Frauenkraft und Frauenfröhlichkeit an.
»Mann,« sagte Frau Christiane und fuhr Arnold Opterberg schmeichelnd durchs Haar, »willst du mir nicht deine Freunde mit Namen nennen? Oder muß man berühmte Künstler gleich nach dem Gesicht erkennen? Dann bitt’ ich zu entschuldigen.«
Arnold Opterberg hatte sich hastig erhoben. »Die Herren Kunstmaler Baltes und Krönlein,« stellte er mit einer kurzen Handbewegung vor, und sein Blick glitt ein wenig mißtrauisch über Frau Christianes fröhliche Züge.
Nun waren auch die Gäste aufgefahren, dienerten und stolperten ein paar Worte hervor, und Frau Christiane sah lächelnd ihren Mann an, trat auf sie zu und reichte ihnen die Hand.
›Wie zwei Zitterespen neben einem blühenden Lindenbaum‹, fuhr es Arnold Opterberg durchs Hirn. ›Weshalb mußten die hageren Gesellen eine so schlechte Figur machen?‹ Dann horchte er auf.
»Ich wollt’ Sie in Ihren übermütigen Künstlerspäßen gewiß nicht stören,« sagte Frau Christiane, »aber wie ich so die ganze Zeit vor der Türe saß und mich über Ihren Mutwillen immer mehr noch verlustierte, da stieg mir mit einemmal das Vergnügtsein von unten herauf so unbändig in die Kehle, daß es mich fast verraten hätt’, und so bin ich schleunigst aufgesprungen und eingetreten. Das heißt: wenn Sie mich hierbehalten mögen. Eine Spielverderberin bin ich nimmer.«