»Sind deine Schwiegereltern nicht so wohlhabend, daß sie dich über Wasser halten konnten?«

»Opterberg,« sagte Broich und legte dem Jugendkameraden die gesunde Linke auf den Arm, »du vergissest wohl, daß ich neben einer Frau auch Kinder habe. Sollten die etwa glauben, ihr Vater sei ein so armseliger Kerl, daß er nicht einmal seine Kinder ernähren könnt’? Nein, Opterberg, eher mit einem Arm Steine klopfen. Na, du hätt’st es ja nicht anders gemacht.«

Frau Hilde Broich kam mit den Kindern. Sie alle trugen einen Pack neuer Zeitungen im Arm und glühten trotz der Kälte vor Stolz.

»Wenn Jung und Mädel brav sind, dürfen sie zur Belohnung ihrem Herrn Hauptmann, dem Vater, helfen,« sagte sie, als sie den alten Freiburger Freund freudig begrüßt hatte. »Lieber Martin, wie oft sprechen wir gerade in diesen dunklen Deutschlandtagen von den sonnigen Wanderungen im Schwarzwald und von den Freudentagen auf dem Opterberghof, wo ich mich dem Liebsten da heimlich anverlobte.«

Martin Opterberg beugte sich herab und küßte ihr beide Hände …

Sein Zug führte ihn heimwärts.

»Es gibt noch Männer in diesem Deutschland,« dachte er, »und es gibt noch Frauen, und es gibt noch einen Nachwuchs!« Und dann versank er in ein Träumen — —

14

Martin Opterberg hatte die Träume abgeschüttelt. Als ein Verjüngter war er heimgekehrt von dem Opterberghof der Frau Christiane, als ein Ernster und Froher zugleich. Aus klaren Augen überblickte er die Geschehnisse der Zeit, die vergangenen wie die kommenden, denn sein Wirklichkeitssinn sagte ihm, daß ein Volk, das die alte Obrigkeitsgewalt mit einem bloßen Heben der Achseln abgeschüttelt habe, in einen Taumel der Überhebung geraten müsse und jede neue von ihm selbst bestellte Obrigkeit nur als Ausführerin der eigenen Wünsche und Befehle ansehen würde, die bei nicht zusagender Arbeit ohne weitere Kündigung wieder auf die Straße zu setzen sei. Ein Spatzenschreck war sie bestenfalls, und im schlimmen Fall, der nicht außer acht gelassen werden durfte, eine Platzhalterin für die brodelnden Gewalten der Tiefe.

Sein klarer Ernst wies ihn darauf hin, daß es Jahre des Sichtens und Schichtens bedürfen würde, bis sich das große Leid Deutschlands in die Erkenntnis des neuen Tages und seiner unerbittlichen Arbeitsforderungen umgewandelt haben würde, und seine tiefe Froheit war dankbar dafür, daß er für die große Menschheitsaufgabe noch ein Leben einzusetzen habe.