»Gute Nacht, Linde —«
»Gute Nacht, Martin.«
Aber es wurde keine gute Nacht für Martin Opterberg. Der Gedanke, daß die Linde von dieser — dieser Frau aller Vergangenheiten auf offener Straße angefallen, angetastet worden sei, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn und raubte ihm aufs neue den Atem. Stunde auf Stunde lag er wach und kämpfte immer mit demselben Bild, bis er sich im ersten Morgendämmern erhob, sich hastig ankleidete und den Rhein entlang zur Werft schritt.
Trotz der frühen Stunde traf er die Freunde schon versammelt und im ernsten Gespräch mit den Leuten, die die Nacht in der langen Werfthalle auf Hobelspänlagern zugebracht hatten.
»Etwas Neues vorgefallen?« fragte er Christoph Attermann.
»Die Hochöfen dort drunten am Rhein sind in der Nacht erloschen. Schau hin, es steigt keine Flamme mehr. Das bedeutet, daß sie in der Nacht mit Gewalt zum Erkalten gebracht worden sind.«
Broich trat mit Tillmann hinzu.
»Ich erfahre soeben von Tillmann, der in der nächsten Ortschaft war, um sich umzuhören, daß die Arbeiter von einer bewaffneten Bande gezwungen worden sind, die Hochöfen auszublasen und die Werke stillzulegen. Die Bande zieht jetzt auf uns zu. Unsere Leute sind vollzählig auf der Werft, die Wehr ist bewaffnet. Hier bring’ ich für jeden von euch einen Revolver, denn es kann ein Tanz werden.«
Um die siebente Morgenstunde wälzte sich ein tobender Menschenhaufe heran. Martin Opterberg ließ das eiserne Werfttor schließen. Seine Männer standen in zorniger Erwartung hinter dem Plankenzaun.
Der Menschenhaufe kam näher und verteilte sich auf der Zufahrtsstraße, um den arbeitswilligen Werftleuten den Weg zu versperren. Einer aber entdeckte das verschlossene Tor und die Männer hinter dem Plankenzaun und schrie es nach hinten. Ein Mann eilte nach vorn und eine wildfuchtelnde Frau mit ihm. Martin Opterberg spürte, wie ihm jählings alles Blut zum Herzen trieb. Wie durch einen Schleier sah er den Mann und das Weib. Mit aller Willenskraft zerriß er den Schleier, wurde ganz kalt, ganz klar. Der Mann, der von draußen eine Aufforderung über den Plankenzaun brüllte, war der davongejagte Lehrer Doktor Radermacher, das Weib an seiner Seite Sabine Barthelmeß. Sie hatten sich also wiedergefunden, die Gezeichneten, wie Wölfe auf der Wildbahn.