Martin Opterberg trat dicht auf ihn zu und sah ihm in die Augen, die standhielten.
»Quitt, Christoph …«
Hörnersignale aus der Ferne! Die benachbarten Ortswehren rückten im Eilmarsch heran. Wie vom Erdboden verschwunden war die führerlos gewordene Bande und hatte ihre Toten und Verwundeten mitgenommen.
»Löscht das Feuer,« befahl Martin Opterberg und ging mit schweren Schritten zu den Blutenden. — —
15
Über das Land lief die Erwartung des Friedensschlusses. Wie ein Wechselfieber liefen die angespannten Hoffnungen, die fassungslosen Niedergeschlagenheiten durch den siechen Körper.
Zu Versailles aber gaben die Sieger ihren Völkern ein Schauspiel. Die im Laufe zweier Jahrtausende verfeinerte Empfindungswelt war ausgebrannt wie ein Krater, in Schlacken türmte sich, was einstmals die Kultur der christlichen Nationen geheißen hatte. Bis zum rohen Kitzel der Heidenzeit mußte zurückgegriffen werden, um die Schaulust der Massen zu befriedigen. Und man führte ein Heldenvolk vor, das vier endlose Jahre hindurch mit malmenden Fäusten die ganze Welt zurückgeschlagen hatte, bis Heer und Heimat die Entkräftung des Leibes und der Seele übermannte und ein Heldenvolk auflöste in zusammenbrechende Haufen körperlich und geistig Entkräfteter. Man führte die Entkräfteten vor, die sich in der Qual einer halbjährigen, demütigenden, von Hunger und Mißtrauen gepeitschten Friedenserwartung selbst untereinander noch zerfleischt hatten, brach ihnen das Rückgrat und ließ sie wie erdefressendes Gewürm durch das kaudinische Joch kriechen.
So waren die Tage beschaffen, die dem Sturm auf die Opterbergwerft folgten, und wie Hammerschläge fielen sie auf Martin Opterbergs Hirn und Herz. ›Schlagt zu, schlagt zu,‹ dachte er, ›das Eisen muß gestählt werden.‹ Aber wie die Schläge schmerzten, darüber sprach er zu keinem Menschen.
Der Tod der Sabine Barthelmeß und ihres Gefährten hatte ihn einige Tage in eine selbstgewählte Einsamkeit getrieben, die von den Freunden in schweigender Zurückhaltung geachtet wurde. Diese Einsamkeit war eine gesteigerte Arbeit vom Morgen bis in die Nacht. Die Feuerschäden der Werfthalle mußten in kürzester Frist ausgebessert sein. Die Spanten eines neuen Frachtschiffes wurden auf die Helling gelegt. Der schwimmende Frachtdampfer hatte klar zur Fahrt zu machen.
Wenn Martin Opterberg mit müden Gliedern in sein Haus heimkehrte, ließ er sich das Abendbrot in sein Arbeitszimmer bringen. »Hab ein wenig Geduld mit mir, Linde,« hatte er am ersten Abend des Werftüberfalls gebeten. »Es ist noch einiges in mir abzurechnen, und das kann ich nur allein.«