»Sprich nicht erst, Martin,« hatte Linde Baumgart geantwortet, »es wär’ mir leid um mich, wenn ich erst der Worte bedürfen müßt’,« und sie war mit einem stillen und freundlichen Blick aus dem Zimmer gegangen.

Auf ihrer Mädchenstube aber litt sie schwerer und heißer als der einsame Mann, von dem sie nicht wußte, wie heftig die Geschehnisse seine Gedanken bewegen mochten, und oft sprang sie in der Nacht empor, horchte ins Haus, schlüpfte die Treppen hinab und horchte an seiner Tür, immer bereit, auf den leisesten Schmerzenston hin bei ihm einzudringen und ihn von seinen Lasten zu erlösen.

Aber Martin Opterberg hatte sich nicht in die Einsamkeit begeben, um einen Schmerz niederzuringen oder einen Stachel aus seiner Seele zu ziehen. Die Schläge, die auf sein Hirn und Herz niedergefahren waren, hatten den Volksangehörigen in ihm getroffen. Der Mann in ihm, der vor langen Jahren von einer Sabine Barthelmeß gewußt hatte, fühlte keinen Schmerz. Und doch war es diese Schmerzlosigkeit, über die er zwei Nächte hindurch grübelte, die er durchleuchtete und durchwühlte. Er griff in eine Leere, er leuchtete in ein Nichts. Und in der dritten Nacht erst fand er.

Es war kein Erschrecken in ihm, als das Nichts sich erhellte und aus der Leere aufrecht und stark die Genugtuung trat. Die Genugtuung, befreit zu sein von seiner Lebensschmach. Die Genugtuung, zu leben und die Feinde dahin zu wissen. »Du oder ich?« hallte es ihm aus den Feldzugstagen in den Ohren. »Du!!« gellte es in ihm auf. Und er spürte aus grauen, altgermanischen Tagen das Blut der Voreltern in sich wogen. Er war Sieger.

Aber auch in Versailles wurde ein Schauspiel aus grauen, heidnischen Zeiten zu Ende gespielt. Die Friedensbedingungen, die das Siebzigmillionenvolk der Deutschen mit Keulen zu Boden schlugen, mußten von den Entwaffneten und Entnervten gegen eine Henkersfrist unterschrieben werden.

Nun galt es, in dieser Henkersfrist ein neues Deutschland zu schaffen oder sich in den Erbärmlichkeitstod durch den Strang zu schicken.

Als die Nachricht von der ungeheuren Schmach eintraf, die zu Versailles für das deutsche Volk und jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in deutschen Landen ersonnen war, begaben sich die Freunde in Martin Opterbergs Haus. Es war ein Junisonntag von sehnsüchtiger Schöne.

Aber der Mann in tiefer Trauer, den sie vorzufinden dachten, war nirgend zu erspähen. Mit klarer Stirn und klaren Augen empfing Martin Opterberg seine Gäste, schüttelte ihnen die Hand und dankte ihnen für ihr Erscheinen.

»Das Urteil ist rechtskräftig. Ob wir es schelten, schimpfen und bestöhnen, es wird an uns vollzogen. Da scheint es mir besser für unser bißchen Kraft und würdiger für unser letztes völkisches Empfinden, wenn wir entschlossen den großen Querstrich ziehen. Dort die Vergangenheit — hier die Zukunft. Und die Gegenwartscholle, auf der wir heute stehen, muß für die Zukunft unter den Pflug genommen werden.«

»Gott sei gedankt,« sagte Christoph Attermann, »daß du aussprichst, was ich denke. Und daß deine Augen wieder so hell in die Welt schauen.«