»Lasset die Toten ihre Toten begraben, Christoph. So steht’s schon in der Bibel. Und im Gesangbuch steht der alte, schöne Erkenntnisvers: Wir machen unser Kreuz und Leid — nur größer durch die Traurigkeit.«
Linde Baumgart stand am Tisch. Ihre Hände zitterten auf der Platte. So strömte die Freude in ihr. Therese Attermann gewahrte es. Sie trat neben die Schwester und legte den Arm um sie. »Jetzt ist er ganz gesundet, Lindele …«
»Ja — jetzt marschiert er ins neue Leben.«
Und die Broichs, die sich in ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl nicht vor dem alten und nicht vor dem neuen Leben gefürchtet hatten, lachten den nur finster sich zurechtfindenden Tillmann an, und Therese Attermann fragte, während sie im Kreise um den runden Tisch saßen: »Wo geht der Weg? Wir wollen ihn zusammen begehen wie die Jugendwege tief im Schwarzwald.«
»Ja, Schwesterherz,« sagte Martin Opterberg und sah ihr voll in die Augen, »dort wollen und dort müssen wir wieder beginnen: in der Einfachheit und der nie ausgeforschten Schönheit der Natur. Unser ganzes Volk müssen wir in die Kindheitstage, in die Jugendzeit zurückführen und es von Grund an zu einem neuen Leben erziehen. Wir sind durch den Krieg arm geworden und werden noch ärmer durch den Frieden werden, wenn wir erst seine Bedingungen erfüllen müssen. Was aber tut eine verarmte Familie, die sich nicht ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude rauben läßt? Sie spricht: einst war die ganze Welt mein Haus — jetzt ist mein Haus die ganze Welt. Siehst du, Therese: hier, mein’ ich, geht der Weg. In den Schoß der Familien müssen wir zurück, an die Mutterbrust der Schlichtheit und Gesundheit. Und mit unserem Wiedererstarken von unserem Hause, von der Familie aus Kreis um Kreis ziehen und nach den engeren Ringen die weiten.«
»Ja, Martin, echte und rechte Heimatmenschen müssen wir werden, wenn wir’s Glück wollen.«
Linde Baumgarts Augen lachten, während die Schwester es sagte.
»Was freut dich denn so sehr, Lindele?«
»Mich freut trotz der Schwere der Zeit, daß es halt so und nicht anders werden muß in deutschen Landen. Daß die Menschen, weil’s Geld nimmer langen wird für die teueren Prunkbäderstädte, hinauswandern müssen und hinauswandern werden in den deutschen Märchenwald und über die träumende Heide und durch die duftenden Ährenfelder, wenn sie eine Herzensfreud’ haben und statt der Dachziegel Gottes Sonne und den funkelnden Sternenhimmel sehen wollen. Und weil der Deutsche, da ihm für seine Erholungsfahrten auf lange Zeit das Ausland gesperrt sein wird, weil der Deutsche nun endlich einmal sein wunderschönes liebes Deutschland kennen lernen wird.«
»Und auch die Spinnweben und Wespennester im wunderschönen lieben Deutschland,« knurrte Tillmann und rieb sich grimmig die Hände. »Ausgefegt werden müssen sie, soll frische Luft sein.«