»In diesem Jahre,« fuhr das Mädchen fort, »brennen keine Johannisfeuer auf den deutschen Bergen. Drum wollen wir die Flammen in unseren Herzen schüren, daß sie unser ganzes Wesen reinbrennen zum bräutlichen Fest.«
»Mitsommerfest, Linde, Mitsommerfest! Nun erst steht die Sonne im Scheitelpunkt.«
»Ja, Martin. Nun erst beginnt das Leben und Erleben in der Reife.«
Sie standen am Fenster und blickten in den werdenden Johannistag, der die Nacht verdrängte, bevor sie sich ausgebreitet hatte. Schon zuckten die Vorboten der ersten Sonnenstrahlen fernhin über den Himmel.
»Das soll uns ein Zeichen sein für unsere Lebensfahrt, Martin. Schau hin. Nach kurzer Nacht ein langer Tag.«
»Und ein Zeichen für unser Vaterland, Linde. Zu Johanni stürzten uns die Feinde in die Nacht der Schmach. Aber die Johannisnacht ist die kürzeste des Jahres.«
Sie schmiegte sich in seinen Arm, als wären sie nur ein Leib und eine Seele.
Und das Johanniswunder eröffnete alles Land und alles Leben dem Licht. Über den Rhein blitzte es hin wie Funken, und in den dichtverzweigten Uferweiden erwachte hundertstimmiger Vogelgesang.
»Komm mit mir ins Licht, Linde,« sagte Martin Opterberg, und sie hing ihren Sommerhut über den Arm und schritt an seiner Seite durch den Garten an den Rhein und langsam rheinauf.
»Gingen wir so weiter und immer so weiter,« meinte das Mädchen sinnend, »so kämen wir an den Oberrhein, und am jungen Brauserhein zu unserer Frau Christiane — unserer Mutter.«