»Unserer Mutter …,« wiederholte Martin Opterberg und zog ihren Arm fester an sich.
»Unser erstes Denken in dieser Frühe soll ihr gelten, Martin, die uns Tag und Nacht aus ihren Quellen speiste.«
»Wie ich sie kenne, Linde, ist sie uns schon mit ihrem Denken zuvorgekommen.«
Droben in Scheitelhöhe zogen zwei Falken ihre Kreise. Und wieder wies sie ihm das glückliche Mädchen als ein Zeichen.
»Als wir noch Knaben waren,« sagte Martin Opterberg, »der Christoph Attermann und ich, und mit der Mutter zu den Gletschern stiegen, aus denen die Rheinquellen springen, erspähten wir Buben ein Adlerpaar hoch im Blauen. Und die Mutter nannte sie die Könige der Einsamkeit und lehrte uns, daß just die Einsamkeit einen Gefährten verlangt.«
»Die Einsamkeit?« fragte nachsinnend das Mädchen.
»So fragten damals auch wir Buben. Und die Mutter lehrte uns: Gerade die Einsamkeit. Ohne einen Gefährten wäre sie eine große, leere Gebärde, ein Grab bei Lebzeiten. Mit einem Gefährten die Größe und Fülle des Lebens, aus einer stolzen Höhe betrachtet. Das haben wir Buben uns für alle Zeit gemerkt.«
»Du und der Christoph?«
»Ja, Linde, der Christoph und ich. Denn die Mutter nahm uns Wanderbuben in ein fröhlich Verhör, ob wir uns auch ein rechtes Bild zu machen vermöchten, und ich rief: Die Mutter meint, Einsamkeit und Tod sei noch lange nicht dasselbe. Und der Christoph rief: Und wer nicht tot ist, der hat zu leben, und aus der Höhe betrachtet, läuft’s da drunten durcheinander wie Ameisen, die einen nicht schrecken.«
»Und die Mutter, Martin? Die Mutter?«