»Die Mutter rief: So mein’ ich’s. Und wenn du es dann droben in der einsamen Höh’ einem gleichartigen Gefährten mitteilst und er es dir bejaht, dann wird euch euer ernstes Wissen zur fröhlichen Gewißheit, und ihr habt erst die rechte Freude am Leben, weil’s nimmer ein Fürchten gibt.«

»Nun hast du es mir mitgeteilt, Martin …«

»Und du mir.«

Sie wanderten immer noch den Rhein hinauf, über den die Frühsonne sich breitete wie ein blitzender Schild aus Silber und Gold. »Johannistag,« sang und klang es in ihren Seelen.

»Sag mir eins, Linde. Sag mir, wann du es wußtest, daß du mich lieb hattest.«

Sie ging eine Weile schweigend, als suche sie am Wegrand eine Blume. Dann hob sie den Kopf und blickte ihm offen in die Augen.

»Nein, Martin, das läßt sich nicht sagen, denn es muß wohl immer gewesen sein. Schon in der Mädchenfrühe, seit die Therese mir so warm von dir sprach. Aber überwältigt hat’s mich und geschüttelt, daß ich den Schlaf nicht mehr fand, als ich wußt’, du bist im Unglück, du bist mit dem Heer auf dem Rückzug, du schlägst dich durch die Feinde und wohl gar durch die eigenen Landsleut’ durch nach dem Rhein und über den Rhein und kommst in dein kaltes, leeres Haus. Damals, Martin, damals hab’ ich Nacht für Nacht mein Lämpchen in der Stub’ brennen lassen, denn ich sagt’ mir wohl: vom eigenen dunklen Haus kommt er zum Attermannschen Haus, Nachschau halten, und da soll er Licht und Leben finden, das, was er zumeist benötigt. Und so bin ich die Treppen hinabgesprungen, als es in der Dezembernacht an der Haustür läutete, und hab’ nur ein Gewand über mein Nachtkleid geworfen, nur damit ich die Erste war, die dich begrüßen konnt’ und —«

»Und —?« wiederholte Martin Opterberg und hielt den Schritt an.

»Und dich küssen,« vollendete sie hastig, umschlang ihn mit beiden Armen und drückte ihren Kopf an seine Brust.

Er erwiderte kein Wort. Er hielt sie ganz fest und sah auf ihrem braunen Haar das Sonnenkrönlein flimmern. Nun war das Krönlein der Baumgartschwestern doch noch sein.