»Und da mein Freund,« fuhr der zweite fort, »ein Kind in geschäftlichen Dingen ist, so muß ich wohl oder übel an seiner Seite bleiben. Ich bin Ihrer Zustimmung sicher.«
Frau Christiane stutzte nur einen Augenblick. Das nächstgelegene Telegraphenamt begann erst um sieben Uhr früh seinen Austragedienst, und jetzt war es sechs Uhr morgens. Der leichte Ärger aber, sie gerade töricht genug für solchen Hokuspokus zu halten, verflog, wie er gekommen war. »Mein Gott,« sagte sie und reichte den Reisenden lachend die Hand, »da schaut man erst, was für berühmte Herren man beherbergt hat, für die eigenst die Telegraphenboten vor der Dienstzeit laufen. Also glückliche Reise dann und ein freundlich Erinnern.«
Arnold Opterberg gab den Freunden bis zur Landstraße das Geleit. Frau Christiane sah ihn, während er neben ihnen einherschritt, mit der Reitgerte den Stiefelschaft schlagen. Da wußte sie, daß er grimmig war und die Düsseldorfer keine Lieblichkeiten zu hören erhielten. —
Fleißig wurde die Woche geschafft. Arnold Opterberg war mit den Knechten auf den Feldern, und er legte selbst Hand an, wo es nottat, ja er schaffte bisweilen über Gebühr, als wolle er von einem Gedanken los oder ihn betäuben, und kam zum Feierabend dampfend und rotgebrannt, aber mit unruhigen Augen ins Haus. Frau Christiane, die mit den Mägden die Gemüsegärten bestellte und die Milchkammer versah, merkte seine Unrast wohl, und bemerkte nicht minder, daß er nach überheißem Tagewerk im Hause heimlich in den alten Truhen stöberte, Mappen und Leinwandrollen heraussuchte und sie in seine Giebelstube verbrachte.
In der zweiten Hälfte der Woche wich sein Arbeitsübereifer einer gereizten Arbeitsunlust. Wohl ging er in der Morgenfrühe mit den Knechten hinaus und wies ihnen ihre Aufgaben. Er selbst aber warf sich auf irgendeinem Hügel unter einem blühenden Baume ins Gras und starrte in die blauenden Fernen, wo Himmel und Erde geheimnisvoll lockend ineinanderflossen. Wie ein bebender Rausch lag der Frühling über der Welt und bebte in Arnold Opterbergs Blut.
Es war Abend, und das Sonnenlicht wollte nicht weichen von der blühenden, duftenden Erde. Frau Christiane hatte ihren Gatten früher als sonst zum Giebelzimmer hinaufsteigen sehen, und nach einer Weile folgte sie ihm nach. Sie fand ihn über den Studien und Entwürfen seiner längst vergangenen Malerzeit.
»Hältst du Heerschau ab, Arnold? Der Abend ist so weich wie eine Jugenderinnerung. Laß mich teilhaben.«
»Ich habe die Seite meiner Jugenderinnerungen vorzeitig abgeschlossen und befinde mich seitdem im Zustande der Zahlungsunfähigkeit. Warum, Christiane, warum?«
Sie war neben ihn getreten, und während sie mit ihm auf die farbenbunten Studien und Entwürfe blickte, hatte sie den Kopf kaum merkbar an seinen Arm gelehnt.
»Vorzeitig abgeschlossen?« wiederholte sie. »Ich glaube gar, mein alter Arnold ist eitel geworden und will von seiner Frau Schmeicheleien hören. O du liebes Menschenkind, du warst bei aller Wildheit immer die ehrlichste Natur und weißt deshalb gar wohl, daß du dein vollgerüttelt Maß an Jugenderinnerungen in die Scheuer gebracht hast, mehr als ein Dutzend anderer Männer insgesamt.«