»Du lenkst ab, Christiane,« sagte Arnold Opterberg rauh. »Was ist mir an dem Rudel toller Häsinnen gelegen, die mir über den Weg sprangen. Wollt’ ich darauf mein Augenmerk richten, ich könnt’ sie heut wie damals springen sehen. Ich meine die Jugenderinnerungen des Künstlers.«

»Nenn sie mir, Arnold.«

»Nennen. Nennen. Dafür gibt’s keine Worte. Das muß man fühlen. Kannst du das Gefühl der Freiheit, der unbedingten Selbstbestimmung über Raum und Zeit in Worte fassen? Das einzige, was den Menschen zum Herrn der Schöpfung macht? Ich habe es mir in einem Augenblick der Kopflosigkeit eingehandelt gegen eine fette Pfründe und laufe seitdem mit hunderttausend anderen Weidetieren im Kreis rundum auf derselben Wiese, statt mit einem Juchhei drüber hinwegzuziehen.«

Ihr Kopf zitterte ein wenig an seinem Arm. Dann war sie wieder die ruhige Frau Christiane.

»Auch die Weidetiere haben ihren Zweck und Nutzen im Haushalt Gottes, Arnold, sicherlich einen größeren als der Kuckuck, der nur den Frühling ausruft und sich vor der Arbeit verflüchtigt, oder der Wanderfalke, der nur zur guten Jagd durchs Revier streicht. Werde nicht unwillig, Arnold, es ist ja nicht das erstemal, daß wir unsere Gedanken aufklären müssen, wenn ich auch nach den letzten Jahren glauben durft’, wir wären aus dem Sturm und Drang hinaus und in einer klaren Sonnenluft. Siehst du, wenn ich nun solche Leut’ wie unsere letzten Sonntagsgäste von der Freiheit der Kunst reden höre, so mein’ ich halt immer, sie schlügen wie der Fuchs einen Staubwirbel mit dem Schweif, um von der Fährte abzulenken, und riefen ›Kunst‹ und meinten die Freiheit des Lebenswandels. Ach, Arnold, wie viele laufen hinzu, um sich einmal so recht von der Leine aller Pflichten zu lösen, ob sie berufen sind oder nicht berufen.«

»Und ich war, wenn ich deine Schlußfolgerung vollende, nicht berufen.«

Sie hob den Kopf und sah ihm lächelnd in die blitzenden Augen.

»Du warst zur Betätigung der Freiheit berufen, du Krafthuber du. Sind die großen Künstler frei? Sie wandern unter dem Kreuz ihrer Aufgaben, das mit der Länge des Weges und der Höhe des Ruhmes schwerer und schwerer wird, oder unter der Peitsche ihres Ehrgeizes, der freudeblind und neidisch macht und zum Knecht des Erfolges. Du hättest zu den ersten nicht getaugt und noch weniger zu den letzten, und für die vielzuvielen erst, die die Kunst nur als Vorwand zum stromern, bechern und borgen nehmen, dazu warst du weiß Gott zu schade.«

Arnold Opterberg wandte hastig den Kopf, aber sie legte ihm die Hände um die Schläfen und zwang ihn sacht, sie wieder anzusehen.

»Darum, Arnold, darum, weil du ein Freiheitsmensch bist, gehörst du in die Sonne, in Sturm und Wetter hinaus und als Herr auf deine eigene Scholle —«