Noch war der Druck nicht aus der Luft, so sehr sich auch Arnold Opterberg Mühe gab, sich zu verstellen. Wieder und wieder kam er im Gespräch auf die beiden lustigen Kumpane zurück, die nun als Freiherren das Land Italien durchzögen, das Geld verachteten und im Anblick der Kunst erschauerten trotz ihrer fleckigen Röcke und ihrer Bänkelsängergitarre.
Am Sonnabend kam ein Knecht, der im großen Gasthof des nahen Schweizerstädtchens für Frau Christiane eine Lieferung zu machen gehabt hatte, und er erzählte seiner Auftraggeberin einen Schnurren von zwei Malern, die drüben im Gasthof Schlag neun Uhr abends auf die Bühn’ träten und zum Gaudi der Gäst’ nix als Unfug trieben. Und es wären die letzten Sonntagsgäst’ des Herrn Opterberg gewesen. Er hätt’ sie im Wirtszimmer hinter dem Krügel erkannt.
Da lachte Frau Christiane in sich hinein, gebot dem Knecht, gegen den Herrn zu schweigen, und war guter Dinge.
Als die Buben aus der Gymnasialstadt heimgekommen waren und Arnold Opterberg unruhiger als sonst, weil der freie Sonntag nahte, zum Fenster hinausschaute und einen Marsch auf die Scheiben trommelte, meinte Frau Christiane leichthin: »Es war eine harte Woche, und es lohnte sich schon, zur Aufmunterung des Bluts ein wenig ins Schweizerische hinüberzugehen. Wär’s dir recht, Arnold? Es sollen allerhand lustige Hanswürste im Gasthof zum Adler auftreten. Die Buben könnten mit uns.«
Arnold Opterberg schloß seinen Trommelmarsch mit einem Wirbel. »An die Pferde!« rief er. »Aufgesessen! Wir reiten!« Und mit langen Schritten, die Buben mit sich ziehend, eilte er ins Freie.
Lustig plaudernd marschierten sie zu viert durch den Frühlingsabend den Rhein hinauf der alten hölzernen Kapellenbrücke entgegen, die über den brausenden Strom hinüber zum Schweizer Ufer führte. Die Knaben erzählten dem Vater von den Rheinquellen an den Gletscherbrüsten und berichteten wichtig von ihren großen und kleinen Bergabenteuern. »In Reichenau war auch der Professor Barthelmeß, weißt du, der Kirchenbauer und Bildner, mit Frau und Kindern, und die Mutter sollt’ die Zeche zahlen für die Fremden.«
»Barthelmeß?« fragte Opterberg. »Kenn’ wohl seinen Namen. Aber du scheinst Glück zu haben mit den Künstlern, Christiane.«
Sie schüttelte leicht den Kopf. »Im heutigen Deutschland lebt fast ein jed’s über seine Verhältnisse. Die Künstler werden dadurch nur um ein Mehr verleitet.«
»Aber sie sollen auf ihren Stolz achten und sich nicht als Schnorranten aufführen,« schloß Arnold Opterberg.
Sie saßen im Saal des Schweizer Gasthofes, und die Bürger des Städtchens bemerkten das schöne und aufrechte Paar mit den wohlgezogenen Buben in ehrlicher Freude, und es war ein achtungsvolles Grüßen von allen Seiten. Arnold Opterberg sonnte sich in dieser hohen Achtung, trank in gewinnender Haltung den angesehenen Bürgern des Städtleins zu und horchte nur zerstreut auf die ältliche Sängerin, die auf der Bühne Alpenlieder trällerte, und auf die Reden des Zauberkünstlers, der ein geehrtes Publikum um goldene Uhren bat. Dann aber fuhr er auf. »Deutsche Schnellmaler auf dem Wege nach Italien!« hatte der Mann am Klavier gerufen. Und schon tollten über die Bühne zwei hagere Gestalten, rissen sich den Hut vom Kopf, rührten Farbe darin an, zogen ein ellenlanges und zerschlissenes Sacktuch hervor, spannten es vorsichtig über einen Rahmen, und während der eine unter verzückten Sprüngen zu malen begann, schob der andere langsam die Nase durch die Kehrseite der zerschlissenen Leinwand, schob Stirn und Augen nach, die Ohren und das stoppelige Kinn, bis das ganze Angesicht ernst und würdevoll aus der Leinwand blickte wie ein frisch gemaltes Ölbildnis. Breit fuhr der Maler mit dem Firnispinsel über das ganze Bild. Es zuckte nicht mit der Wimper. Und unter dem tobenden Gelächter des Publikums legte der Maler einen Rahmen um das Bild, trat seitwärts, wies mit der Linken erhaben auf sein Werk, mit der Rechten untertänig auf sein Herz und nahm dankend einen Schoppen Wein aus dem Zuschauerraum entgegen. Da rollten des Bildnisses Augen, da verzerrte sich sein Mund, da streckte es heischend die Zunge — und das Bildnis begann zu reden und verlangte in sprudelndem Zorn seinen Anteil, bis ihm die Neige des Weines beruhigend in die Kehle floß.