Bevor der Spaß zu Ende war, hatte sich Arnold Opterberg erhoben und mit den Seinen den Saal verlassen. »Deutsche Schnellmaler auf dem Wege nach Italien!« klang ihm die Stimme des Ausrufers noch in den Ohren, als schon die Planken der Rheinbrücke unter seinen Füßen krachten. Diese Großredner der Kunst! Diese Herrgottstagediebe! Für einen Schoppen Wein und ein paar Frankenstücke zogen sie den deutschen Künstlernamen durch den Schweizer Dreck und sich selber durch die Spottmäuler der Spießbürgergesellschaft, die noch die Wäsche von der Leine nahm, wenn Künstler und andere Vagabunden des Weges kamen.
Und doch nur ein Spaß, aus ungebändigter Malerlaune geboren.
Nichts da! Die Kerle waren über die vierzig alt und hatten sich zu bändigen, wenn sie ins Ausland kamen. Der deutsche Name war doch wohl eine Messe mehr wert als die Malerlaune der Baltes und Krönlein.
»Vater,« sagte neben ihm Martin Opterberg, »die Leut’ im Saal haben die Deutschen arg verspottet.«
Himmelherrgott, da empfand es der Bub auch schon.
Arnold Opterberg ging in großen Schritten. War er doch so weit über das Possenreißen hinausgewachsen an Frau Christianes Seite, daß er die tötende Lächerlichkeit fühlte? Er zog den Arm Christianes in den seinen und schritt wortlos mit Frau und Buben heim.
3
Die Jahre wurden nicht leichter für Frau Christiane Opterberg, ob sie auch schneller dahinliefen in der täglich sich mehrenden Fürsorge um Leibes- und Seelenwohl der aufschießenden Knaben. Unbemerkt zwar waren die einstigen Anfängerarbeiten Arnold Opterbergs wieder in den Truhen verschwunden, und nie hatte des Hausherrn Hand sie wieder ans Licht gezogen. Aber ein anderes war geblieben und hatte sich in der Giebelstube eingenistet, und da es kein Lärmen machte und den Hausherrn ruhig zur Tagesarbeit freigab, so war ihm in Güte nicht beizukommen und mußte schmerzlich aber schweigend ertragen werden. Arnold Opterberg saß abends einsam bei der Weinflasche.
Langsam war es angegangen. Erst bedeutete es nichts als das Hinunterspülen des Tagesstaubes und des Ärgers über das Festsitzen auf der Scholle, während draußen die Welt schöner wurde mit jedem Tag und der Duft der reifenden Felder ein Sausen ins Blut trug und ein aufbegehrend Sehnen. Als die Wandervögel schrien und die Ernte von den Äpfel- und Birnbäumen gebrochen wurde, wuchs es täglich an, und als der Herbstwind über die Stoppelfelder klagte und die Wipfel der Bäume, kahlen Besen gleich, in den Regenschauern trauften, verblieb Arnold Opterberg länger und länger im Giebelturm, saß am Fenster und starrte auf die brausenden Wasser des Rheins, der in seinem kristallgrünen Gebirgskleid wie ein rechtes Bild der unbezähmbaren Jugendkraft vorüberflog, wandte sich ab, griff zum Glase und suchte in der Ferne die geheimnisvollen Höhenzüge ab, um gedankenverloren wieder zum Glase zu greifen. Während der Winterzeit, die dem Gutsherrn auch tagsüber mehr an freien Stunden ließ, als es der Gutsherrin lieb erscheinen konnte, hockte er hoch droben neben dem knatternden Eisenofen, las von morgens bis abends in alten und neuen Abenteuerbüchern und erhob sich nur, um in den Keller zu steigen und wählerisch eine andere Flasche auszumustern.
Auch diese Stimmungen waren Frau Christiane bei ihrem Gatten nicht neu, aber sie lagen doch weiter zurück in ihren ersten Ehejahren und hatten sich dazumal bis zu den maßlosen Ausbrüchen eines gänzlich unbeherrschten und nie an Zucht gewöhnten Geistes zu steigern vermocht. Das waren die Stunden gewesen, in denen Frau Christiane die lebenswarme Nähe ihrer Schaffnerin so wohltuend empfunden hatte, die Christoph Attermanns Mutter wurde und nie nachgelassen hatte, ihr auf dem ersten Dornenweg der Ehe die Hände unter die Füße zu legen.