Frau Christiane vergaß nicht, wer ihr Liebes getan hatte, und wenn es auch nicht viel gewesen war und keinerlei Aufhebens davon gemacht worden war, sie besaß die seltenste Frauentugend einer Gattin und Mutter: ein tiefschwesterliches Gemüt. Und sie stellte den Dank über die Gabe.

In diesen Zeiten, in denen bei Arnold Opterberg ein Rückfall eingetreten schien, verlor die mutige Frau nicht einen Augenblick den klaren Kopf. Sie hatte den Mann genommen, weil er ihr wohlgefiel in seiner Mannesschöne und seinem überschäumenden Frohgeblüt, das in ihr Arbeitsblut den heimlich ersehnten Festtagston hineinzutragen versprach, und da er der Vater ihres Martin geworden war, war die weitere Rechnung für sie gegeben. Nicht modeln, basteln und ändern wollen, wo es an ausgewachsenem Holz nichts mehr zu ändern gab, sondern helfen und halten, daß der Wipfel wohl im Winde brauste, aber nicht im Sturme brach.

»Ich hab’ ihn mir gewählt,« pflegte sie sich zu sagen, wenn ein Schatten über ihre Seele wandern wollte, »und ich hatte bei solcher Wahl zu wissen, wer er war. Ich wußte, daß es ein funkelnder Stein war, mit dem sich die liebe, schwache Eitelkeit aufputzt, und darf nun statt des Glanzes kein wärmend Kaminfeuerchen erwarten. Wollte ich nachträglich wegen des Preises hadern, so dürfte füglich er sich als der Betrogene fühlen und nicht ich mich gar. Das Beste, was er mir überdies zu geben vermochte, habe ich von ihm: unseren Martin.«

So ergab sie sich mit zunehmender Stärke der Freude an der Entwicklung ihres Sohnes, der der einzige geblieben war, und als sie Christoph Attermann ins Haus genommen und ihn dem Sohne zum Kameraden gegeben hatte, wußte ihre klarblickende Mutterliebe wohl, daß sie nun einen Teil des Sohnes an den Freund abzugeben hätte, aber sie fühlte sich auch an Liebeskraft reich genug, um die beiden Knaben zu einem einzigen Wesen in sich zu vereinen und nun beide zu besitzen.

»Christoph Attermann«, so erwiderte sie auf eine launige Frage Arnold Opterbergs, »schenkt unserem Martin, was unserem Buben fehlt und was er im Jünglings- und Mannesalter als das verläßlichste Gut empfinden wird: Bruderliebe. Und ich schenke dem Christoph dafür, was dem Christoph fehlt und was er braucht, um Boden unter den Füßen zu bekommen: Mutterliebe. Ich denke, das ist ein Austausch, der sich in der Welt sehen lassen kann.«

Und er konnte sich sehen lassen von Anbeginn an. Das feurige Roß, das Martin Opterberg zu werden verhieß, wurde von dem ruhig wägenden Christoph Attermann wie von einem getreuen Gespanngefährten zu einem geregelten Schritt angehalten, während sich hinwieder der kühlere Schlag, den Christoph Attermann darstellte, in allen Fällen, in denen es Entschlossenheit galt, von dem heißblütigeren Freund und Bruder bis zur leidenschaftlichen Tat emporreißen ließ. So befruchteten sie sich gegenseitig, halfen sich auf Schritt und Tritt mit ihren Gaben und schufen, ohne die Merkmale ihrer Persönlichkeit aufzugeben, einen Ausgleich, den Frau Christiane mit stiller Freude beobachtete und förderte.

Frei ließ sie die Knaben aufwachsen, die, nun schon Sekundaner der Gymnasialstadt, kaum die geheime Zügelführung verspürten, im täglichen Leben mit der Natur ihre Natürlichkeit behielten und an den Dingen, die gegen sie rannten, ihre Kräfte wetzten und Ecken und Kanten abschliffen. Mußte sie die Buben eines allzu kecken Streiches wegen einmal bei den Ohren nehmen, so geschah es nicht, um sie zu demütigen, sondern um sie nachdrücklich auf die Forderungen der guten Sitte und eines anständigen Benehmens hinzuweisen.

»Würdet ihr dulden, daß irgendwer durch seine Aufführung eure Mutter beleidigt?«

»Nie!« riefen sie entsetzt und ballten die Fäuste.

»So nehmt euch in Zukunft selbst bei den Ohren, wenn ihr mich lieb habt. Es ist eine Beleidigung für eine Mutter, wenn die Söhne keine gute Erziehung aufweisen und die Mutter zum Gespött der Leute machen, als besäß’ sie selber keine.«