»Mutter,« brauste Martin Opterberg auf, »welcher Schmutzmichel hat das gewagt?«

»Mutter,« stieß Christoph Attermann hervor, »wir prügeln ihn durch, Mutter.«

Frau Christiane nahm mit der Linken den einen und mit der Rechten den anderen beim Schopf, schob sie mit den Stirnen aneinander und sagte: »Da habt ihr die ersten.«

Verdutzt blickten sich die Knaben in die geweiteten Augen. Dann verstanden sie, rissen sich los von der Mutterhand und fielen mit einem Jubelschrei übereinander her, um sich weidlich das Fell zu gerben. Das ließ Frau Christiane mit Vergnügen geschehen.

Von Anbeginn waren die Knaben gewöhnt, was ihre Seelen bewegte, was ihre Freude oder ihren Abscheu erregte, ihre Spottlust wachrief und vor allem ihren Zweifel, vor die Mutter zu tragen.

Die Freuden wurden von ihr in ein höheres Licht gerückt, der Abscheu untersucht und dem Ekel preisgegeben, die Spottlust vom Spotte befreit und zur Fröhlichkeit gebändigt und die Zweifel ohne jedes Versteckspiel durch Vergleiche mit dem Wesen der Natur klipp und klar gestellt, geläutert und behoben.

Nach dem Abendbrot, das schon um sieben Uhr eingenommen wurde, saß Frau Christiane in irgendeinem Winkel des Hauses oder des Gartens, am liebsten aber auf einer alten Holzbank drunten am Uferwasser des vorbeibrausenden Rheines noch lange mit den Knaben und ließ sich aus der Welt der Schulerlebnisse berichten. Oft flog das Gelächter der Erzählenden bis zu Arnold Opterberg und lockte ihn heran, und er kam, sein Weinglas in der Hand, herbeigeschlendert und drückte sich mit auf die Bank. Gern hörte er zu, wenn von den harmlosen und ewig wiederkehrenden Schulabenteuern berichtet wurde, in denen der Lehrer den kürzeren zog, denn der Lehrerstand war seiner Natur ein Greuel, und er warf die guten und die schlechten wahllos in einen Topf.

»Zucht ist diesen Bakelschwingern immer gleichbedeutend mit Züchtigung,« knurrte er grimmig.

»Zucht«, stimmte Frau Christiane ihm bei, »kommt von ziehen und nicht von züchtigen her. Öffentliche Prügel bilden immer eine Entehrung und sollten deshalb nur bei Ehrlosigkeiten in Anwendung gebracht werden. Gegen Faulheit und Unwissenheit hat man den Lehrer ja gerade mit seinem geistigen Rüstzeug versehen, und die Rüpelhaftigkeiten müßten vor seiner würdigen Haltung im Keim ersticken. Ein Ansehen muß er sich halt geben können.«

»Und gegen Dummheit?« reizte Arnold Opterberg. »Was für ein Kräutlein ist da wohl gewachsen?«