»Dummheit«, sagte Frau Christiane, »ist eine tieftraurige Krankheit. Für kranke Kinder aber gibt’s nur Liebe und beileibe keine Prügel.«
»Ach, Mutter,« rief Martin Opterberg lachend, »bei uns in der Schule pfeift’s aus allen Handgelenken.«
»Seid ihr denn ein solches Gesindel, ihr Buben dort? Sprich du, Christoph.«
»Mutter,« sagte der nachdenkliche Christoph Attermann, »ich glaub’ fast, die meisten der Lehrer denken sich halt so wenig dabei wie die meisten der Buben. Es ist so eine Gewohnheitssache.«
»Schöne Gewohnheiten,« sprudelte Frau Christiane, fühlte im Augenblick ihre aufsteigende Heftigkeit und bezwang sich vor den Jungen. »Ich will nur hoffen, daß meine beiden Buben solcherlei Gewohnheiten nicht an sich herankommen lassen. Duckmäusige und verprügelte Hunde sind mir schon unleidlich, geschweige denn — Menschenkinder. Na, gut’ Nacht, ihr beiden.«
»Der Schulmeister«, spottete Arnold Opterberg, als die Knaben sie verlassen hatten, »ist eben ein Wesen an sich und sogar dem lieben Gott über, denn der läßt sich wenigstens noch herbei, in den Menschen sein Ebenbild zu sehen. Ein Schulmeister aber sieht nur sich.«
»Nein, Arnold,« und Frau Christiane schüttelte launig den Kopf, »nun freut’s dich, das Kind mit dem Bad ausschütten zu können. Es ist mit dem Lehrerstand sicherlich wie mit allen Ständen, nur daß es durch die tägliche Schulstund’ stärker hervorbricht. Die Vorlauten und Überheblichen sind allemal die, denen der vollgepfropfte Schulsack die einzige Bildung bedeutet. Die wahrhaft gebildeten Männer in der Lehrerschaft aber lächeln still über alles angelernte Wissen und sehen in der echten Bildung die Gemüts- und Herzensbildung, die durch Wissen einen Ausdruck finden kann. Ein innerlich Vornehmer wird es ablehnen, seine Macht oder Laune durch Stockschläge oder Maulschellen zu bekunden.«
Arnold Opterberg schmunzelte. »Also nun erhebe deine sittliche Forderung, Christiane.«
Sie lachte ihm in die Augen und fuhr ihm übers Haar.
»Gut, ich erhebe sie. Ich fordere für den Schulamtsbeflissenen ein neues Prüfungsfach, und dieses lautet: Die gute Kinderstube. Besteht er nicht, so ist er nicht zum Erzieher, aber vielleicht zum Hundscherer geeignet. Punktum.«