»Mit dem Herrn Pfarrer ist schlecht Kirschen essen,« gestand Christoph Attermann.

»Ich mag ihn nicht,« entschied Martin Opterberg. »Er ist ein Weichling.«

»Martin!« rief Frau Christiane streng. »Was für Redensarten erlaubst du dir, Bub?«

»Und ein Feigling,« trotzte nun auch Christoph Attermann.

»Ich habe dich nicht gefragt, Christoph,« verwies Frau Christiane nicht minder streng, aber es glitt wie ein blitzschnelles Lachen um ihren Mund. »Heraus mit der Sprache, Martin. Was habt ihr gegen euren Pfarrer?«

»Daß er die Knaben mit zweierlei Maß mißt,« sagte Martin Opterberg ärgerlich, »und mit den Aufrechten herb und überheblich und mit den Speichelleckern honigsüß verfährt, das braucht nicht meine Sach’ zu sein und hat jeder mit sich abzumachen. Aber daß er vor den Mädchen schön tut und sich vor ihnen ein Ansehen geben will in seiner Körperkraft und Majestät, damit die Gäns’ ihn nur noch mehr verhimmeln und seufzen und glucksen, das ist mir in der Seele zuwider.«

»Ich glaub’ gar,« meinte Frau Christiane erstaunt, »der Martin ist eifersüchtig. Da wollen wir doch lieber den Christoph sprechen lassen. Aber nun bitt’ ich mir einen nüchternen Bericht aus.«

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »der Martin ist nicht eifersüchtig. Keine Spur. Wir kriegen’s nur mit der Scham, und die brennt einen höllisch im Halse, wenn der große, starke Mann erst wohlwollend den Mädchen über die Köpfe streicht und dann plötzlich einen der schmächtigsten Knaben, der just keine Antwort zu geben weiß, herausgreift, ihn über die Bank legt und ihm vor den Augen der Mädchen, Mutter, fünfundzwanzig aufzählt, wozu der Bub noch mitzählen muß. Ach, Mutter, und dann schreitet er wie ein gewaltiger Feldherr die Reihen der Mädchen ab, und sie drängen sich an ihn, die Gäns’, und küssen ihm gar die Hand.«

»Mein Gott,« lachte Arnold Opterberg in hellster Heiterkeit, »die alten Kniffe.«

Frau Christiane schaute auf ihre Buben, und sie erkannte die Scham und den dumpfen Knabengrimm und spürte beides mit in ihrem innersten Herzen.