»Hört mich einmal an, ihr Buben,« sagte sie ganz ruhig, »damit ihr es ein für allemal wißt. Es gibt nur eine Sünde, die Unwahrheit. Die Unwahrheit gegen sich und andere. Ein Mensch, der wahr ist, wird immer erkennen, was gut und was schlecht, was schön und was häßlich ist. Und wenn er noch so mancherlei im Leben tut, weil sein Blut heiß ist oder seine Einsamkeit groß, er wird nie etwas aus gemeinen Regungen tun und daß er sich schämen muß. Wie ihr euch aber eurer selbst wegen nicht schämen sollt, so sollt ihr euch noch viel weniger anderer Leute wegen schämen. Und wenn der Herr Pfarr noch einmal eine solche — eine solche Aufzählung vornimmt, so sollt ihr als meine saubergehaltenen Buben aufstehn und Zeugnis ablegen: Wir wollen das nicht ansehen, und unsere Mutter hat’s uns verboten.«

Frau Christiane spürte, wie ihr der Atem schwand. Von links und von rechts hatten die Knaben sie umhalst und küßten ihr zu endlosen Malen die Wangen. Da fühlte sie noch tiefer und bewußter, wie ihr Blut eins war mit den Knaben, die sie mit derselben Muttermilch gesäugt hatte. An diesem wortlosen Ausbruch fühlte sie es.

»Und nun sputet euch und lernt eure Katechismusfragen und eure Bibelsprüch’ und Gesangbuchstrophen. Wer einen Stolz will, muß doppelt seine Pflicht erfüllen.«

Arnold Opterberg erhob sich. »Jungens,« rief er den Davonspringenden nach, »die Mutter meint natürlich nicht, daß ihr nun vierundzwanzig Katechismusfragen und vierundzwanzig Bibelsprüch’ auswendig lernen müßt. Das runde Dutzend genügt!«

»Inwendig lernen, nicht auswendig!« wiederholte Frau Christiane heiter, sprang auf, stand neben ihrem Mann und schaute lange mit ihm über den jungen Rhein hinaus.

»Christiane,« sagte Arnold Opterberg nach einer Weile, »ich wollt’, ich hätte dich zur Mutter gehabt. Da hätt’ was aus mir werden können.«

»Du mußt mich nicht rühmen,« entgegnete sie und hielt das Gesicht dem Strome zu, »es gehört nur ein wenig Nachdenklichkeit dazu, um den Dingen auf die rechte Spur zu kommen. Siehst du, das waren Pfingsten zwei Jahre, daß ich mit den Buben zu den Rheinquellen gewandert bin. Und besonders das eine Bild ist mir geblieben, wie der lebendige Wasserstrahl aus der weißen Gletscherbrust springt und gleich den Kampf mit Fels und Wildnis beginnt, um zur Freiheit zu gelangen und zum Strome zu werden. Woher nimmt das kaum entsprungene Wasser gleich sein Wissen und seinen Willenstrieb, der uns staunen macht? Es wird wohl schon in der Tiefe des weißen Gletscherleibes mit tausend Kräften gespeist werden, von denen wir nicht wissen, weil wir sie nicht sehen.«

»Fahre fort,« sagte Arnold Opterberg, »ich bin mit dir auf der Reise.«

»So wirst du auch wissen, wohin sie geht, Arnold. Ich meine, mit den Kindern ist es nicht viel anders. Sie bringen mehr mit auf die Welt, als wir in unserer Gedankenlosigkeit ahnen, und empfinden schon als junge Menschen die Dinge der In- und Umwelt, während wir sie noch als Kindsköpfe betrachten und uns vor ihnen gehen lassen.«

»Du meinst doch wohl nur den Pastor, Christiane?«