Sie lachte zu ihm auf. »Auch den Pastor. Aber das schönste ist doch die Erkenntnis. Und die zweite, die allerschönste dazu: daß die jungen Ströme von der Mutterbrust unzertrennlich sind und mit ihr eins und dasselbe.«
»Christiane,« sagte Arnold Opterberg, »ich beneide die Buben, die eine solche Mutter haben, denn sie werden ihr Leben lang mit Quellwasser gespeist werden und nie versanden können. Hast du nicht auch für mich ein Sprüchlein?«
»Behalte uns lieb, Arnold. Alles andere soll mich nicht anfechten.«
»Komm,« bat er, »laß uns noch einen langen Spaziergang machen. Rheinauf. Da kommen wir den Quellen näher. Es wandert sich gut mit dir, Christiane.« —
Eine neue Lebenswoge zog über das Land am jungen Rhein und ließ auch den Opterberghof nicht beiseite liegen. Die Technik begann, sich die Kräfte der Wasser dienstbar zu machen, die der drängende Strom in brausenden Stromschnellen durch die Uferfelsen zwängte. Noch standen die ersten Pläne kaum auf dem Papier, als schon das Unternehmertum sich regte und unter der Hand mit Landankäufen vorging, um den billig erworbenen Grund und Boden zu hochgesteigerten Preisen als Fabrikgrundstücke zu vergeben. Gleich zu Beginn traten die Herren an Arnold Opterberg heran. Der beschied sie auf die nächste Woche und besprach sich mit Frau Christiane. Der alte Übermut ging in ihm hoch und die Lust an Spiel und Wagnis.
»Die Kerls schätzen mich als früheren Städter für das dümmste Mitglied des Bauernstandes ein. Aber schon beim ersten Wort bin ich ihnen auf die Sprünge gekommen. Vertraust du mir eine Handvoll Geld an, Christiane? Nur des Spaßes wegen.«
Frau Christiane erkannte nicht nur den Spaß, sondern auch den Vorteil. Und da Arnold Opterberg mit den Liegenschaften und ihren Verkaufsmöglichkeiten vertrauter war als die fremden Geschäftsleute, so hatte er bald einige der günstigst gelegenen Stücke in seine Hand gebracht und durch den Notar auf seinen und der Seinen Namen überschreiben lassen.
»Ich habe es mir überlegt,« erklärte er mit vergnügtem Augenzwinkern den verblüfften Händlern, »ich verkaufe doch lieber gleich an die Fabrikanten, die schon im Anzug sind, und mache das Geschäft selber.«
Die Fabrikanten kamen, und Arnold Opterberg machte das Geschäft. Aber er bot den Herren, die meist aus der Gegend des betriebsfleißigen Niederrheins herangereist kamen und durch Anschluß an die Wasserkraft ein billigeres und bequemeres Herstellungsverfahren für ihre Erzeugnisse suchten, gastfreundlich auch den Opterberghof als Absteigestätte und übte die Gastfreundschaft in noch ausgedehnterem Maße, als sie sich erst in den kleineren und größeren Landsitzen der Umgebung häuslich niedergelassen hatten. Es waren trunkfeste Niederrheiner darunter, die nach der Anspannung aller Kräfte bei Tage nach ihrer Heimat Sitte am Abend eine Ausspannung beim Wein liebten. Und Arnold Opterberg kam dieser Liebe von ganzem Herzen entgegen, saß oft bis Mitternacht mit den neuen Becherfreunden und schritt tagsüber wie ein Neugeborener über die Äcker.
Frau Christiane schob keinen Riegel vor. Die Männer waren ihres Lebens Herr, aber sie selber beanspruchte dasselbe Recht für sich und ihre Buben, erschien nur kurz zur Begrüßung, hielt Umschau, ob für alles Erforderliche gut Vorsorge getroffen sei, und verabschiedete sich freundlich und heiter, um sich immer mehr den Knaben zu widmen.