»Einer schönen Frau gegenüber gibt es gar keine andere Pflicht.«
»Wollen wir recht gute Freunde werden, Herr Opterberg?«
Frau Christiane hatte während des Gespräches nicht die geringsten Gewissensbisse empfunden, daß sie den wählerischen und großtuerischen Schlemmern zu Reichenau nicht mit der Zeche beigesprungen war. Ei, sagte sie sich, bei mir hatte der Herr Professor kein Guthaben wie bei der Kirchengemeinde, und so habe ich ihn doch gezwungen, seinen Aufwand selber zu begleichen. Und sie erkundigte sich freundlich nach dem Ergehen der Barthelmeßkinder.
»Sie sind so außergewöhnlich begabt,« erklärte der Professor, »daß es mich fast erschreckt. Die drei Jungen werden sicherlich in die Fußtapfen ihres Vaters treten, und mein kleines Mädchen entwickelt sich nicht nur zu einer reizvollen und eigenartigen Schönheit, sondern auch zu einem recht überlegenen Geist. Sie werden nachher selbst urteilen können, gnädige Frau.«
»Werden Sie von den Kindern abgeholt, Herr Professor?«
»Wir haben uns für den Nachmittag ein Stelldichein vor dem Opterberghof gegeben. Meine Frau und ich beabsichtigen, um den anstrengenden Weg zu sparen, hier in der Nähe in einem Wirthaus zu Mittag zu essen und dann später mit den Kindern die Bahn zu benutzen.«
»Eine Dorfkneipe ist gewiß kein angenehmer Sonntagmittagsaufenthalt,« erklärte die nach neuester Mode gekleidete kleine Frau Barthelmeß und zog ein lustig Mäulchen, »aber was tut man nicht seinen Kindern zuliebe.«
»Sie essen ganz einfach einen Teller Suppe bei uns,« entschied Arnold Opterberg. »Besser als in der Dorfkneipe ist sie bestimmt. Mehr kann ich nicht versprechen.«
»Mein Gott,« sagte die zierliche Frau und schaute zu ihrem stattlichen Gatten auf, »eine so herzlich entgegengetragene Freundschaft nur um einer leeren Besuchsform willen zu kränken, wäre undankbar und philisterhaft zugleich.«
So blieben sie, und es wurde ein langes und heiteres Mahl. Wohl hatte der Professor an allen Fürstenhöfen und selbst im Vatikan gespeist, aber einen solchen Kälberbraten gebe es höchstens noch in Traumbüchern, und gegenüber einer deutschen Hausfrau seien alle Köche der Welt ärmliche Stümper.