Martin Opterberg hatte die Verunglimpfung schneller verstanden als der Bruder und Freund.

Er fühlte nur eins: die Mutter war beschimpft. Und mit einem schluchzenden Aufschrei warf er sich auf den Angreifer und schlug blindlings mit den geballten Fäusten auf ihn los. Da hatte auch Christoph Attermann verstanden. Er schlug nicht blindlings drein. Er holte aus und zielte und schlug zwei-, dreimal wie mit Hammerschlägen, daß der schwere Mann sich nur mit Mühe vor den schäumenden und hochgereckten Buben durch die Tür in Sicherheit bringen konnte. Und Christoph Attermann ging mit Augen, die wie Kohlen glommen, die Reihen der Mädchen entlang, die Faust vorgestreckt, und schrie sie heiser an: »Nun, wollt ihr mir nicht auch die Hand küssen, ihr Gäns’, ihr?«

Diesmal suchten sie nicht die Mutter auf. Diesmal galt der Vater. Das sagte ihnen auf der Heimfahrt ein seltsam zartfühlendes Jünglingsempfinden. Und sie berichteten dem Vater wortgetreu und gaben ihm die Hand darauf, daß sie nichts hinzugefügt und nichts hinweggelassen hätten, und Arnold Opterberg fuhr mit dem nächsten Zuge nach der badischen Hauptstadt zur Oberkirchenbehörde und erlangte die sofortige Beurlaubung und nachfolgende Versetzung des Mannes nach Prüfung des ärgerlichen Geschehnisses.

Einem Pfarrer der Nachbargemeinde wurde die Einsegnung übertragen. Er kam auf den Opterberghof und besprach sich mit Arnold Opterberg. Der rief die Knaben herein und befragte sie.

»Der Herr Pfarrer meint, ob ihr lieber in seiner Dorfgemeinde eingesegnet werden wollt als in der Stadt?«

»Nein,« erklärten die Knaben fest, »das dürfen wir wegen der Mutter nicht.«

Der weißhaarige Pfarrer reichte ihnen die Hand. »Es ist recht so und soll so bleiben.«

Frau Christiane aber tat, als wüßte sie von all den Geschehnissen nichts, und ihr Benehmen zu den Knaben war nicht um einen Hauch anders als ehedem. »Sie dürfen nicht des Glaubens werden, sie hätten etwas anderes als etwas Selbstverständliches getan,« sagte sie zu dem Gatten. Nur in ihren Augen stand ein noch tieferer Glanz, wenn sie heimlich auf ihre schlanken Buben schaute.

Am Tage vor der Einsegnung kam Christoph Attermann zu ihr. Sie waren allein.

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »ich weiß nun auch, weshalb mein Vater in Kehl begraben liegt. Es ist nicht deshalb, weil er zufällig aus der Gegend stammt.«