»Nein, Christoph, sondern weil er seinen Sohn lieber hatte als sein krankes Leben.«
»Mutter,« fragte Christoph Attermann weiter, und seine Mundwinkel zuckten, »warum reistest du gerade in diesen Tagen mit uns in die Berge und zu den Rheinquellen?«
»Es geschah, Christoph, weil ich ahnte, was dein Vater tun würde, weil ich dich deiner Knabenerinnerungen wegen aus der Nähe der Dinge forthaben und dir in der Kraft und Herrlichkeit der Berge die Freude am Leben schenken wollte.«
»Und aus keinem anderen Grunde, Mutter?«
»Doch,« sagte Frau Christiane, trat vor ihn hin und schloß ihn fest in ihre Arme, »um dich spüren zu lassen, daß du eine Mutter gewonnen hast und ich einen Sohn.«
»Deshalb komme ich,« murmelte der Junge an der Frauenbrust, »deshalb komme ich, um dir zu danken.«
Am nächsten Tage standen Martin Opterberg und Christoph Attermann Hand in Hand vor dem Geistlichen, der sie gemeinsam einsegnete. Frau Christiane saß neben dem Gatten im Kirchenstuhl, und ihre Augen leuchteten.
4
Schon trugen die Buben vom Opterberghof die Primanermützen auf den blonden Häuptern, schon zeigte sich schüchtern der erste Flaum über der Oberlippe und verlieh den Knabengesichtern den Ausdruck der ersten Jungmännlichkeit. Hoch und aufrecht schritten sie beide einher, der junge Opterberg schlank und nervig, der junge Attermann breitschultrig und muskelhart, beide mit den wetterbraunen Gesichtern, die Sonne, Wind und Regen auf den täglichen Märschen zur nächsten Eisenbahnhaltestelle und den ausgedehnten Knabenstreifen in Wald und Feld so kräftig gebeizt hatten. Nicht nur Frau Christiane, auch Arnold Opterberg sah ihnen oft prüfend nach, und es erschien ihm an der Zeit, die väterliche Erziehung etwas stärker in den Vordergrund treten zu lassen. Längst waren die beiden Buben gewöhnt, jedes Pferd auf der Weide zu reiten und fest auf dem Kutschbock die Zügel zu führen, auch kannten sie seit frühester Kinderzeit jede ruhigere Stelle im Strombett, die sich zum Schwimmen und Tauchen eignete, und ein jedes Strudelbecken, in dem sich der Salmenfang lohnte. Jetzt aber nahm Arnold Opterberg sie wohlbewaffnet mit auf die Pirsch in die Hänge des Hochwaldes und lehrte sie, mit weidgerechter Kugel den Bock auf die Decke legen, den balzenden Auerhahn anspringen und den im Liebesrausch blinden und tauben vom hohen Tannenast herunterholen, im Schnee der Saufährte folgen und den Keiler im Lager überraschen. Das stärkte Mut und Gewandtheit, gab dem Auge die Sicherheit und der Hand die Ruhe und zwang die raschen Gemüter, sich zu beherrschen, bevor die Kugel unwiderruflich den Lauf verließ. Diese Jägererkenntnis der jungen Jahre sollte ihnen oft noch im Mannesleben zum Leitstern werden.
Daß Herr Arnold Opterberg zuweilen über die Grenzen der jagdlichen Erziehung hinausgriff und in einsamer Jagdhütte seine Begleiter in die Geheimnisse der Grogbereitung einweihte, auch wohl mit ihnen beim Abstieg in einem Schwarzwalddorf den einen oder anderen Liter Markgräfler Weines ausstach und sie zur Verschönerung der Stunde eine Pfeife Tabak blaffen ließ, war Frau Christiane durchaus nicht verborgen, wie die stolzen Jungmänner annahmen, denn das nächstemal fanden sie in ihrer Feldflasche statt des kalten Milchtees einen wärmenden Rotwein vor, so daß sie beim ersten Schluck vor Schrecken fast dem Stickhusten erlegen wären, und ein anderes Mal im Rucksack ein halbes Dutzend zusammengebündelter Schweizer Stumpen mit einem Zettel von Frau Christianes Hand: »Solange ihr sie im Freien raucht, schadet’s keinem Menschen.« Nur als Arnold Opterberg die Gemeinsamkeit der Trink- und Rauchersitten auch ins Haus verpflanzen wollte, strich sie ihm begütigend über den Ärmel: »Nimm ihnen nicht die Freud’ am Studentenleben vorweg, Arnold. Das erste Räuschlein muß in der Begeisterung der Jugend errungen sein, wenn’s eine schöne und tragfähige Erinnerung werden soll.«