»Tragfähig? Wie verstehst du das?«

»Daß man sich später nicht scheut, darüber hinzulaufen.«

Arnold Opterberg lachte. »Hast Recht, Frau. Ich werd’ mir den Professor rufen. Dem hält’s nicht ganz so scharf mit den Erinnerungen.«

Der Professor kam auch ungerufen. Seine Arbeit, die vertraglich auf zwei Jahre bemessen war, hatte er nun schon in das dritte Jahr hinüberzuziehen gewußt und manchmal auch durch Übernahme kleinerer Reiseaufträge unterbrochen. Die Kirchenherren sahen sauer drein. Das änderte an der überlegenen Miene des Professors nicht das geringste. Er war sich bewußt, daß die Herren das Erneuerungswerk nicht mitten in der Ausführung stecken lassen konnten und daß der bisher entnommene Vorschuß beträchtlich genug sei, um den Meister vor jäher Kündigung des Vertrags zu schützen. So ging er gar lieblich und gelassen mit den flügellahmen Heiligen und dem bröckelnden Zierwerk an Wänden und Altären um und durfte sich mit Fug darauf berufen, daß seine Arbeit, wenn auch langsam geschafft, so doch von vollendeter Meisterschaft und unübertrefflicher Stilreinheit sei. »Wünschen Sie eine eilige Zuckerbäckerarbeit,« pflegte er den Drängern zu sagen, »so empfehle ich Ihnen meinen Kollegen Dingsda. Ein Kunstwerk, das den höchsten Ansprüchen des Kenners genügt, will aus dem Samenkorn hervorwachsen wie eine edelblühende Pflanze.« Und die Herren, die den Kenner spielten, nickten Beifall.

Professor Barthelmeß setzte die Feierabendstunde um ein bedeutendes früher an, als es auf dem Opterberghof der Brauch war, und da der Arbeitstag ihm ohnedies nicht die genügende Zeit ließ, sich seiner Familie zu widmen, so holte er in den reichlichen Mußestunden das Versäumnis vollauf nach und erschien nie anders als in Begleitung seiner Gattin Hadwiga, seiner drei Söhne Bernhard, Fridolin und Hartwig und seiner Tochter Sabine. Ein vornehmes Patriarchentum, das er bei solchen Anlässen zur Schau stellte, verwandelte vielerorts das erste Entsetzen über den zahlreichen Besuch in Scham und Bewunderung. Frau Christiane aber schaute mit heiterem Lächeln durch die väterliche Maske hindurch und ließ einige Abende Buttermilchsuppe und in der Schale gekochte Kartoffeln mit Speckrösterchen auftragen. Da zog der Spuk bald an ihrem Hause vorüber und fiel wie ein Heuschreckenschwarm bei einem der neuangesiedelten Fabrikanten ein. Auch Frau Hadwigas großen Bedarf an Butter, Käse und Eiern vermochte Frau Christiane zu ihrem Leidwesen bald nicht mehr zu decken, denn es war seltsam, wie oft in diesem Jahre ihre Kühe vor dem Kalben standen und keine Milch lieferten und ihre Hühner aus dem Mausern gar nicht herauskamen und darum keine Eier legten. Dreierlei nur konnte sie nicht verhüten, und sie nahm es als eine Art Verkehrssteuer, die sie unter den Gesamtunkosten des Hofes aufrechnete: daß Arnold Opterberg mit dem ganz besonders weinverständigen Professor die besten Flaschen zu leeren liebte, daß Professor Barthelmeß bei solchen Gelegenheiten kleine Geldanleihen zu machen pflegte und daß die Barthelmeßkinder bei ihren Spielen beharrlich Stall und Scheuer bevorzugten und zufällig aufgefundene Hühner-, Enten- und Gänseeier ohne alles Fackeln in sich hineintranken.

»Was sich nicht wehrt, kommt in den Magen,« sagte Frau Christiane kopfschüttelnd, aber sie drückte mitleidig beide Augen zu, wenn sie eins der zweibeinigen Wiesel bei der Beute überraschte.

»Es ist halt die Zigeunerwirtschaft bei den Alten schuld,« meinte sie im Gespräch mit dem Gatten. »Nun ja, der Patriarch bleibt in seiner Rolle, denn, wenn ich meine Bibel kenne, so übten die alten Patriarchen ja wohl auch ihr Gewerbe im Umherstreifen aus.«

Arnold Opterberg lachte. »Und das schwarzhaarige Sabinchen könnte als Lockvogel Rebekka am Brunnen sitzen.«

»Als modernes Mädchen sitzt sie lieber am Karpfenteich. Schau doch einmal, wie das Ding mit den Augen Bescheid weiß und jählings gutberechnete Blicke schießt, und zählt kaum zwölf Jahre. Unser Martin freilich wird rot vor Zorn, und der Christoph beschaut sich so seltsam seine Hände, als ob er ihr am liebsten das Sitzleder vollhauen möcht’.«

»Wie ist es möglich,« spottete der Hausherr, »daß die Buben der Frau Christiane Opterberg so arge Weiberhasser sein können.«