»Ich verstehe den Vergleich nicht sofort. Aber wir wollen die glücklichen Kinder sich selbst überlassen und auf das bißchen eigene Glück Bedacht haben. Der Tag war schwer, Opterberg. Dürfte ich wohl um ein Glas Milch bitten?«
»Kuhmilch oder Liebfraumilch? Sie müssen schon deutlicher werden, Barthelmeß.«
»Sie haben es ja wieder gut vor. Aber ich bin kein Spielverderber. Also Liebfraumilch.«
»Wissen Sie,« sagte Opterberg, »aus dem kleinen, begrenzten Weinberg am Stift. Nur das ist Wachstum.«
»Ich weiß, ich weiß,« lehnte Professor Barthelmeß ab. »Ein Spatz ist keine Nachtigall, wenn sie auch beide zur Familie der Sperlingsvögel gehören. Lassen wir die Nachtigall singen, Opterberg.«
Und die Nachtigall sang bis in die späte Nacht. —
Ostern nahte. Die Reifeprüfung in der Gymnasialstadt war beendet, Martin Opterberg und Christoph Attermann kamen von der Bahn und schritten rüstig durch die Felder. Sie sprachen kein Wort, aber zuweilen blieben sie mit einem Ruck stehen, blickten sich in die Augen und lachten sich trunkenen Mutes an. Dann schritten sie um so eiliger aus.
Aus der Ferne schon erspähten sie vor dem Hoftor eine Frau, die Ausschau hielt in die Weite.
»Die Mutter!« jubelten sie, schwenkten ihre Mützen und setzten in wilden Sprüngen über den Weg.
Frau Christiane weilte schon seit Stunden vor dem Tore. Mitten im werktäglichen Schaffen hatte es die arbeitsfreudige Frau überfallen, daß sie die Hände sinken lassen und hinaushorchen mußte. Und langsam, von einem unwiderstehlichen Gefühl getrieben, hatte sie Fuß vor Fuß gesetzt und war wie traumwandelnd hinausgeschritten bis vor das Tor. Seit Stunden stand sie und schaute in die Weite und horchte in sich hinein, während sie glaubte hinauszuhorchen. Heute wurden ihre Buben flügge. Und wenige Tage nur, und sie würden die Schwingen regen zum Ausflug in die Welt. Dann war das Nest leer.