In der Harrenden und Horchenden wurden die Stimmen der Vergangenheit lebendig. Sie redeten eifernd laut und wiederum schmerzlich leise in dem Kampf um die Seele des Mannes, die schweifen wollte im Blauen, statt Wurzel zu schlagen im Grünen. Hatte die tiefere Erkenntnis der Frau um des Lebens Möglichkeiten obgesiegt? Noch heute, nach zwanzig Jahren der Ehe, schweifte des Mannes unruhige Seele bei Tag und Nacht und wußte von der Heimatbedeutung des Opterberghofs nicht mehr als ein Vogel von seinem Futterplatz. Und dennoch, trotz der Niederlagen, die sie in den ersten Ehejahren mehr und mehr in eine innere Vereinsamung drängen wollten, die wurzelstarke Frau hatte dennoch obgesiegt. Nicht über des Gatten leichtes Zecherblut, aber über ihr eigenes Blut und des Weibes drängende Liebeserwartungen. Sie hatte sich als Siegerin erklärt, seit sie ihren Buben an die Brust legen konnte, und als glückliche Eroberin dazu, seit sie dem Einzigen, den sie in Schmerzen geboren hatte, in dem Milchbruder einen Kameraden hatte geben können.

Wer hatte vordem ihres Reichtums gedacht? Nicht einmal der Gatte, den nur die Stunde lockte. Nun vermochte sie alle die Schätze, die sich unaufhörlich in ihr sammelten wie das Quellwasser im Berge, den Buben zu geben, und während sie in lautloser Freude gab und gab, spürte sie erst die ganze Fülle ihres Reichtums.

Frau Christiane stand am Tore und hielt Einschau und Ausschau. Ihre Lippen bewegten sich.

»Das ist das Glück. Spüren selbst in der Einsamkeit, daß man reicher ist als die tobende Welt, weil man aus sich selber schöpfen und spenden darf. Ihr habt mich dies Glück gelehrt, ihr Buben. Ich will’s euch danken euer Leben lang.«

Ein Tropfen stieg ihr ins Auge. Sie schüttelte ihn ab. Sie hatte daran gedacht, daß ihr Nest leer werden würde. Was nun mit den zuströmenden Schätzen in der Einsamkeit?

»Nein,« sagte sie laut, »eine Mutter, die ihre Kinder ins Leben sendet, kann gar nicht einsam sein. Ich bin die Quelle, und sie sind der Strom. Und der Strom mag brausen, so fernhin er will, sein Lebenswasser holt er sich doch aus der Quelle.«

Auf dem braunen Ackerwege tauchten die Gestalten der Heimkehrenden auf. Sie sah der Buben Mützenschwenken und die wilden Sprünge über die Ackerschollen querfeldein.

»So sollt ihr allzeit zu eurer Mutter gesprungen kommen und klares Quellwasser finden, ihr Buben,« und sie hob die Arme und winkte den stürmisch Heimbegehrenden entgegen und fühlte sich von vier Jünglingsarmen umfaßt und die tollen Küsse der flaumbärtigen Lippen auf ihren Wangen.

»Wir haben’s geschafft, Mutter, wir haben’s geschafft!«

»Wollt ihr mich umbringen, ihr Wilden?«