Im ersten Morgendämmern stand Frau Christiane in ihrem Felsgarten. Ihr Rundgang durch die Ställe war beendet, Knechten und Mägden die Früharbeit angewiesen. Der Himmel färbte sich rosafarben. Über den Vorbergen des Schwarzwaldes tasteten schon die Strahlen der aufgehenden Sonne.

Eine kleine Weile hier zu stehen und alles erwachende Leben in sich hineinzutrinken, war Frau Christianes tagtägliche Morgenandacht. Christoph Attermann gewahrte sie und verhielt seinen Schritt, um ihr Tun nicht zu stören. Doch Frau Christiane hatte den Schritt schon vernommen und sagte, ohne sich umzuwenden: »Das ist der Christoph. Guten Morgen, mein Bub. Weshalb schläfst du nicht aus wie der Martin?«

»Guten Morgen, Mutter. Der Martin hat mir schon einen Gruß an dich aufgetragen. Ich hörte dich im Hause und dacht’, du könntest mich brauchen.«

»Ei, Christoph, solltest du nicht eher darum gekommen sein, weil du mich brauchen möchtest?«

»Du weißt alles, Mutter. Ja, darum kam ich. Aber ich seh’, ich stör’ dich gerade.«

Sie reichte ihm die Hand und zog ihn näher.

»Du kannst teilnehmen. Wer das hier betrachtet, Morgen für Morgen und jahraus, jahrein, dem kann der Glaube an die Unsterblichkeit nimmer vergehen und erst recht nicht der Mut zum Leben. Noch ist alles winterschwarz und so öd’, daß du über dich selbst jammern möchtest, und da kriecht schon zu deinen Füßen das erste Leberblümchen aus dem Erdreich, siehst du, gerad’ hier, wo wir stehen, und putzt sich und reckt sich ins Licht, als hätt’ es nur eben ein Schläfchen hinter sich und wär’ nun wieder fröhlich bei der Sach’. Und die Fruchtknoten an den Obstbäumen haben während des Winterschlafs ihr Säfteschwellen nicht eingestellt und bereiten sich im kahlen Holz schon wieder zur seligen Blüte. Und die bleiche Wintersonne kriegt einen goldenen Glanz und gar so viel Wärme, daß es uns wohlig über den Rücken rieselt und all das müde Blut in uns verwundert die Augen aufschlägt. Schau, Christoph, da kommt die Sonne selbst, und weil wir Frühaufsteher sind, lehrt sie uns ihren Spruch, und der lautet: ›Im Haushalt Gottes gibt es keinen Tod und nur ein täglich Auferstehen. Und wenn’s gestern Nacht war, so ist darum doch heute wieder Tag. Menschlein, Menschlein, du mußt nur erst den rechten Abstand zu dir selbst und deinem lächerlich winzigen Sorgenbündelchen gewinnen, um die ganze Größe der Schöpfung zu erkennen und dich selbst als ein unsterblich Glied.‹«

»Du bist glücklich, Mutter.«

»Ich war’s nicht immer. Ich bin’s geworden. Ich hab’ manchen Stein zerklopfen müssen, bis ich zu der Quelle in mir kam. Und so müssen wir alle. Christoph, es geht nur um die Liebe im Leben. Um sie nur allein. Wer am stärksten zu lieben vermag, ist der Glücklichste. Nun sprich, was dich in der Frühe zu mir führt.«

»Es ist so klein, Mutter …«