»Wahrhaftig — jetzt seh’ ich’s klarer. Es ist ein goldner Sonnenkringel.«
»Frühlingssonne,« rief Tillmann. »Allererste, golden lockende Frühlingssonne. Wie ein Bräutigamsreif legt sie sich um meinen Finger und ruft hinaus aus den engen Mauern in die blauenden Weiten. He, ihr Füchse, wißt ihr ein passend Verlobungslied?«
»Der Herr Professor — liest heut kein Kollegium,
Drum ist es besser — man trinkt eins ’rum«
sangen die Füchse.
»Es ist notwendig,« bemerkte Tillmann, »daß ich euch einigen Fuchsenunterricht in der freien Natur gewähre. Das geht ja nur ums Fressen und Saufen, und der heilige Geist kommt zu kurz. Punkt drei Uhr antreten zum Marsch auf den Schloßberg und wohin uns die Füße tragen. Gesegnete Mahlzeit.«
Um drei Uhr sammelte sich ein Trüpplein Farbentragender am Martinstor, dem die Jugendsonne aus dem alten Steingequader lachte. In der langen Straßenzeile sprangen tänzelnd die Brunnen und flüsterten von ihrer Mutter, der Dreisam, und den Schwarzwaldbergen ringsumher. Das Trüpplein zog die geborstene Stadtmauer entlang und schwenkte am lustigen Schwabentor singend ins knospende Rebgelände ein, das den Trümmerberg der einst so trutzenden Schlösser selig lächelnd überzog. Und der Gesang brach ab, als das Trüpplein die erste Höhe erstiegen hatte und aus wundertrunkenen Jugendaugen hinunterschaute auf das Gewirr der grauen Dächer und altertümlichen Giebel, aus dem der schlanke Turm des Münsters wie ein veilchenfarbener Traum der Vergangenheit sehnsüchtig gen Himmel ragte.
»Das ist die einzige Blüte der Gotik, die sich noch im Mittelalter voll zur Blume entfaltet hat,« lehrte aus tiefem Schauen heraus der kunstbefreundete Tillmann. Seine Augen tranken sich satt und schweiften über die andachtsvollen Gesichter der Jüngeren.
»Nun, wie wär’s denn jetzt mit dem schönen Lied vom Herrn Professor, der heut’ kein Kollegium liest?«
Aber keine Stimme erhob sich zum übermütigen Saufauslied.