»Sag uns noch ein paar Wörtel von dem da drunten,« bat Martin Opterberg, und Christoph Attermann bat wie er, und die übrigen sprachen es mit. Und während sie standen und schauten und weiter hinanstiegen und oft Rückschau hielten, erzählte der Führer aus uralten Zeiten, vom Zähringer Herzog, dem zweiten Berthold, der um das Jahr 1090 die Stadt gegründet, und von den sagenhaften Baumeistern, die mit dem romanischen Querschiff den Bau des Münsters begonnen hatten, um ihn in siegreicher Kühnheit in die erwachende Welt der neuen deutschen Gotik hinüberzuführen. Ein Gestaltenheer tauchte auf und zog vorüber, während der Erzähler sprach. Bernhard von Clairvaux reckte im noch dachlosen Kirchenbau das Kreuz über den Häuptern des Volkes und entflammte ihm Hirn und Herz und Hand zum Kampf gegen die Ungläubigen. Das Erzhaus Österreich nahm Besitz, und Vorderösterreich hieß der Breisgau. Kaiser und Könige und Erzherzöge aus dem Hause Habsburg schritten funkelnd wie die Sonne durch die Stadt und die Jahrhunderte, und die Sonne verschwand unter den Stürmen des Dreißigjährigen Kriegs, der das Gift säete statt des deutschen Heils und den mörderischen Haß erntete statt der Bruderliebe. Den Franzosen fiel die Stadt zur Beute und wieder Österreich, und aufs neue den französischen Scharen, die von der Freiheit sangen und das Fallbeil mit sich schleppten, und wiederum Österreich, dem geschwächten, um endlich den Kreis zu beschließen in der Rückkehr zum Zähringerhause Badens im Jahre 1806.
Auf hohem Gipfel, den Schloßberg wie eine liebliche Erhebung tief unter sich, stand das Trüpplein, den grünen Kranz der Schwarzwaldberge zur Rechten, weit hinaus vor sich das silbrige Geglitzer des Rheintales bei Breisach und jenseits in ungeheuren Nebelformen die Kette der Vogesen. Frankreich lugte über den Berg.
Der Führer Tillmann riß die Mütze vom Scheitel.
»Deutsch allzeit und allwege!« jauchzte er in das Sonnenland, und die anderen taten wie er und schwenkten die Mützen über den heißen Köpfen, und einer begann zu singen, und alle fielen ein, mit entblößten Häuptern und begeisterungflammenden Jugendaugen:
»Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!«