»Aufgeschaut, ihr Buben. Da steht ihr nun an der Wiege des Rheins, des Vorderrheins, und morgen wollen wir die Wiege seines wilderen Gesellen, des Hinterrheins, suchen gehn. Auch der König unter den Strömen braucht einen Gefährten in der Einsamkeit. Hei, wie die ewigen Gletscher funkeln, der Badus in den Gotthardbergen, der Crispalt im Glarnerland. Und dort, dort — in die Ferne müßt ihr sehen — schwingt sich die Furka wie eine steinerne Himmelsbrücke, trennt die Bergzüge auseinander und verbindet dafür die Menschlein von Uri und Wallis. Da spürt man den Herrgott.«

Stille Andacht in den Augen, saß Frau Christiane auf breiter, moosübersponnener Steinplatte, auf der sich die Buben lang ausstreckten und, wohlig sich reckend und das Angesicht nach oben richtend, die Köpfe zutraulich in den Frauenschoß betteten. Frau Christiane strich ihnen mit einer kurzen Bewegung durch die hellen Haarbüschel. Dann wurde es ganz still zwischen den Dreien, und sie spannen ihre Träume hinein in die große, schweigende Natur, in die versteinerten Wogen der Bergmassen, die noch den Gischt der letzten Brandung in Eis und Schnee auf ihren Zackenhäuptern trugen, in das eingesprengte, winzige, kristallblaue Becken, darin sich rätselhaft das Leben aus tiefinnerstem Felsenleib erschloß: das lebendige, das Leben spendende Wasser. Mehr, mehr, als nur ein Wasser: das Wasser des Rheins, des deutschen Rheins.

»Ist das ein gesegneter Maimorgen,« sagte Frau Christiane nach einer Weile. Und als die Knaben schwiegen, fügte sie nach einer stillen Pause hinzu: »Ihr habt Recht, ihr Buben. Wir brauchen keine vaterländischen Lieder anzustimmen wie ein Männergesangverein mit dem gefüllten Silberpokal und keine feierlich dröhnenden Gelübde abzulegen wie ein Kriegerverein mit der Schärpe. Wir wollen ehrlich sein, so ehrlich, wie die Natur es ist, und uns ganz einfach sagen: Hier ist die Wasserscheide. Hoch genug, um sie nicht zu übersehen. An die zweitausend Meter hoch. Dort —« und sie wies mit der Hand nach den Bergen des Wallis, »wird die Rhone, hier wird der Rhein geboren, dort —,« und die Hand wies in weiter ausholendem Schwung nach Süden, »lockt das blaue, sonnenschimmernde Mittelmeer, dort —,« und ihre Hand fuhr gen Norden, »wartet die graue, stürmische Nordsee. Die Rhone hat das lieblichere Teil erwählt, der Rhein das schwerere. Seine Kindheit ist Kampf aus der Enge, seine Jugend Lachen und Schwärmen, seine Manneszeit die gesammelte Kraft zur stärksten Arbeitsleistung, und sein Alter — ja, ihr Kinder, das ist die Frage, die der Herrgott euch offen läßt, um euren Witz daran zu proben — soll es versanden oder soll es in neue Kanäle geführt werden, die ohne Hasten und Stürmen die auf langem Wege gesammelten Güter dahintragen in das Meer der Allgemeinheit? Hier ist die Wasserscheide, Kinder. Im Süden steht die Sonne, im Norden der Nebel. Was dünkt euch?«

»Der lange Weg, Mutter. Kämpfen, lachen, siegen. Durch den Nebel hindurch.«

»Der lange Weg, Frau Pate. Schaffen, arbeiten. Und dann der Kanal. Das wär’ schon was.«

»Ihr rauflustigen Germanenbuben,« rief Frau Christiane und griff ihnen in den Schopf.

»Aber es soll mir schon recht sein, daß ihr nicht einschlafen wollt und euch euer Leben selber zu erringen trachtet. Denn das wahre Leben, Kinder, das wahre Leben ist nur das mit Wunden erkämpfte.«

Sie sprang auf und riß die Knaben mit sich hoch. Lachend sah sie ihnen in die Augen.

»He, ihr beiden! Wollen wir hier die Gefühlsseligen spielen? Menschen mit solchen Muskeln und Lungen und allem Zubehör? Hunger hab’ ich, Hunger! Hunger, Hunger, ihr nachlässigen Ritter, und nicht euch, aber eure Rucksäck’ will ich zu meinen Füßen sehn!«

»Frau Pate, das Schwarzbrot! Ich schneid’s aus!«