Das empfand das Mädchen tief.
»Ein weiteres soll ich erzählen? Von den Eltern berichtete ich schon, daß sie als rechte Bürgersleute in Karlsruhe lebten und starben. Außer mir war noch eine Nachzüglerin im Nest, mein um zehn Jahre jüngeres Schwesterchen Linde, und da die Eltern erst in gesetzten Jahren geheiratet und kein übergroßes Vermögen erworben hatten, so erzogen sie mich, wie man einen Sohn erzieht, der rechtzeitig als seiner kleinen Schwester Beschützer auftreten kann. Also durfte ich mit achtzehn Jahren meine Reifeprüfung ablegen und zur Universität gehen. Doch das haben die Eltern nicht mehr erlebt. Die starben im Jahre vorher. Eins starb so geschwind dem andern nach, daß es gleich die Probe auf meine Widerstandskraft galt und auf die Berechtigung, trotz alledem das Studium aufzunehmen.«
»Und das Schwesterchen? Die kleine Linde?«
»Die Linde,« sagte Therese Baumgart mit einem warmen Ton, »die Linde zählt jetzt acht Jahre und ist im Schülerinnenstift zu Karlsruhe. Sie ist frisch und gesund und vertraut auf die große Schwester, daß sie fleißig studiere und ihr eine frohe Zukunft schaffe. Bis sie eingesegnet wird, muß ich als Frauenärztin meinen sicheren Wirkungskreis gefunden haben. Dann hol’ ich sie zu mir in der Zeit ihrer schönsten und stärksten Entwicklungsfähigkeit und kann ihr mit den selbsterworbenen Mitteln die Wege ebnen helfen.«
»Und wenn die Therese Baumgart inzwischen einen Mann gefunden hat?« fragte Frau Christiane.
»Glauben Sie denn, er wird’s mir verwehren, wenn ich selbst verdiene?« fragte sie ängstlich zurück.
»Du lieb, unschuldig Närrchen,« lachte Frau Christiane und huschelte den braunen Mädchenkopf an ihre Brust. »Also denken tust du doch daran, an die Lieb’ und die Ehe, trotz Doktorhut und Heilberuf? Brauchst dich nicht verlegen zu ducken, Kind. Aufrecht stehen und selber seinen Mann stellen im Leben, ist notwendig und zumal für uns Frauen, die nicht wissen, wie’s kommen kann auch nach dem glücklichsten Rausch, und wie sich der Herr Gemahl im Taglicht entwickelt. Schau her, meine Händ’. Sie haben das Arbeiten gelernt vor der Ehe, und es war gut so, denn sie sind nicht zarter geworden im Lauf der Ehejahre. Oder soll ich ein golden Krönchen legen um meines lieben Herrn Arnold Opterberg Stirn? Mir ist doch, als glichen deine Augen den meinen?«
Da löste sich der braune Mädchenkopf von der Frauenbrust und beugte sich in den Schoß Frau Christianes und schmiegte die Wange auf die kräftigen Hände.
Und ein anderes Mal bat Frau Christiane: »Erzähl mir, wie du meine Buben kennen gelernt hast. Sie waren wohl recht keck und großherrlich, weil sie die frischen Narben trugen?«
»Der Christoph trug noch keine, und der Martin seine erste.«