»Ei, nun ist es wieder der Christoph. Ich dächt’, der raufte sich inzwischen mit dem Säbel?«

»Gerauft hat er sich wahrhaftig nicht,« verteidigte ihn das Mädchen. »Er hat, und gewiß gegen meinen Willen, einem Studenten die Mütz’ abgeschlagen, als er mir unhöflich wurd’, und nach den studentischen Bestimmungen mußt’ er mit der Waffe einstehen. Aber der Martin hat ihm so herrlich sekundiert, daß er den anderen die Zech’ bezahlen ließ.«

»Mein Gott, nun ist es wieder der Martin,« sagte Frau Christiane kopfschüttelnd und erhob sich. Und als sich die Therese Baumgart mit ihr erhob, ganz kopflos geworden von den schnellen und blanken Einwürfen, nahm Frau Christiane sie mit einer mütterlichen Bewegung fest in den Arm. »Ich freu’ mich, daß sie dir alle beide gefallen. Hab’ ich sie doch beide aufgezogen wie Söhne und Brüder. Der eine ist treu und fest wie Gold, und der andere heiß wie eine Flamme, aber wie eine lautere Flamme, die auch einmal ein Herdfeuer gibt. Schenk du beiden deine Freundschaft, und wenn du einmal irre wirst an einem von beiden oder dich selber ein Zweifel plagt, so ruf mich, Theresel, oder komm selber angereist. Eine Mutter versteht alles; ich mein’ eine rechte Frau und Mutter und keine gluckende Henne. Gelt, und das Lindele, das bringst du mir auch einmal zum Anschaun.«


Und Herbst ward’s, und der Winter kam über Freiburg, und mannshoch lag der Schnee auf den Schwarzwaldbergen. In der Burschenschaft hatten sich die Fünf, die so sommerselig durch den Schwarzwald zum jungen Rhein gezogen waren und so freudetrunken über die Alpen ins Land Italien, die Tillmann, Grüters, Broich und die Opterbergsbuben, trotz aller Verschiedenheiten des Wesens enger aneinander angeschlossen, weil sie von denselben fröhlichen Erinnerungen zehrten. Nicht weniger aber für die Gegenwart, weil der gleiche kleine Mädchenkreis sie anzog: Therese Baumgart und ihre Kameradinnen. Manche Wege noch waren sie mit ihnen gemeinsam gewandert, wenn Vorlesungen und Anatomiesaal die eifrigen Schülerinnen freiließ, und als die Schneemeldungen vom Feldberg und seinen Brüdern kamen, da war der erste Samstag recht, um über den Sonntag hinaus in die Berge zu fahren, die Schneeschuhe auf dem Rücken und die lernbegierigen Mädchen zur Seite.

Beschuht mit derbem Rindsleder, in dickgestrickten Jacken und flauschigen Wadenstrümpfen, die Wollmütze über das Haar gezogen und den Schal um die Schultern, glichen sich die Mädchen zum Verwechseln, und es konnte nicht ausbleiben, daß ihnen ihre Begleiter öfter als sonst unter das Mützlein blicken mußten, um festzustellen, mit wem sie sprachen. Das war Martin Opterbergs liebstes Spiel, und er übte reihum manche kleine Zärtlichkeit, um sich mit einem jähen Erschrecken zu entschuldigen, er habe eine andere gemeint. Die rheinischen Mädchen aber, selber viel zu glücksfröhlich, ließen sich den Übermut des hübschen und immer sprühenden Burschen ohne viel Aufhebens gefallen, da er doch überdies der beste Freund ihrer lieben Freunde war, und die Freunde selbst, die Tillmann, Grüters und Broich, nahmen sein lustiges Wildern, das immer in den Grenzen des Knabentollens blieb, als eine schickliche Gelegenheit, besonders warm für ihre Schützlinge einzutreten und sichernd den Arm um ihre Schultern zu ziehen. Nur Therese Baumgart blickte die ersten Male verwundert auf, wenn ein kleiner Aufschrei dartat, daß Martin Opterbergs Hand wieder einmal versehentlich unter das Kinnlein einer ihrer Kameradinnen gegriffen hatte. Dann aber nahm auch sie es als unschuldige Schneebahnfreiheit und lustigen Winterspuk.

So wurde das schwerfällige Hinaufstapfen auf die Bergeshöhen zu einer gleich großen Köstlichkeit wie das selige Hinabgleiten in die schneeverwehten Weiten, das sausende, brausende Sturmfliegen die steileren Hänge hinab, das atemversetzende Hinüberschwingen von Halde zu Halde und das jubelnde Sichwiederfinden im fernen Talgrund. Oft hieß es eine Schleife fahren, um einer im Schnee versinkenden Gestalt wieder auf Füße und Schneeschuhe zu helfen. Dafür wurden hohe Belohnungen oder derbe Strafen zugesichert, je, ob es ein Mägdlein oder ein Bürschlein war. Und in den großen Schutzhütten, in denen es von sportliebendem Jungvolk wimmelte, gab es nach heißem Erbsenbrei zu Lautenklang und Zitterschlag Tanz und Gesang vor dem lodernden Kamin, bis die Mitternachtsstunde die Nimmermüden zur Strohrast rief.

Christoph Attermann war wie ein mächtiger Berghund. Er sicherte in kühnem Vorlauf die Bahn, hielt zurück, um die ungeübten Mädchen vorüberbrausen zu lassen, war als Erster zur Stelle, um hilfreiche Hand zu bieten, und ließ dennoch keine Sekunde das Auge von Therese Baumgart, an deren Schneeschuhen er die kleinste Unregelmäßigkeit erblickte, ordnete und heilte.

»Ihr Wintervergnügen ist durch mich nur halb,« klagte das Mädchen.

»Wenn das Ihre durch mich nur ein ganzes wird,« lachte der Wetterfeste.