»Wollen sehen, ob’s glückt. Wenn du heimgehst, grüß die Mutter.«
»Leb wohl. Ich sag’ dir all meinen Dank.«
»Leb wohl, du —«
Sommer war es geworden und wieder Winter, seitdem Martin Opterberg und Christoph Attermann ins Hessische gezogen waren, um an der technischen Hochschule zu Darmstadt ihren Studien obzuliegen. Vom ersten Tage an nahm sie ihr erwähltes Fach gefangen, und der buchenbestandene Odenwald durfte lange locken, bevor er in den wenigen Mußestunden, die sich die Eifernden ließen, die heißen Arbeitsstirnen zu kühlen bekam. Wie ein Bergmann ging Christoph Attermann in seiner Arbeit Stollen für Stollen ab und wühlte sich unermüdlich durchs Gestein, während sich Martin Opterberg, sobald er die Unterlagen unter den Füßen spürte, mehr und mehr in die großen Zusammenhänge vertiefte, die die Wunder der Technik mit dem Hoch- und Ausbau des gesamten Wirtschaftslebens verband, und ihrer Herr und Meister zu werden versuchte. Da tat sich manche Lücke auf, der nicht lediglich mit dem Winkelmaß und der Logarithmentafel beizukommen war, und schon nach einem weiteren Jahr stand es ihm fest, daß er zur Abschließung seiner Studien noch ein paar Semester Volkswirtschaft an einer Universität hinzunehmen müsse. Aber das eilte ihm vorläufig nicht. Alle Säfte der Jugend stiegen in ihm auf, wie in einem jungen Baum, der nach allen Seiten seine Äste recken möchte und doch fürerst in die Höhe schießt.
Von Zeit zu Zeit traf ein Brieflein von Therese Baumgart, die nach Heidelberg übergesiedelt war, als Antwort auf einen fröhlichen Kartengruß ein. Darin berichtete das Mädchen gar ernsthaft von Studien, Übungen und ersten Fachprüfungen, die es leicht bestanden habe, von seinen weiteren wissenschaftlichen Plänen und ein wenig auch von seinem eingezogenen und doch glücklichen Leben auf der Studentenbude hoch oben in der Neckarstadt. Und nur zwischen den Zeilen zitterte zuweilen ein Wort: ›Denkst du noch an die sommerselige Schwarzwaldwanderung? Denkst du noch an die glührote Fackelfahrt durch Neuschnee und Nacht, von Berg zu Tal?‹ Dann schrieb Therese Baumgart wohl: »Wenn ich zur Erholung und Erfrischung ans Fenster tret’ und die Hand ausstreck’, so greif’ ich in ein Bäumlein des Odenwalds, und wenn du von deinem Fenster aus dasselbe tust, so greifst auch du in ein Bäumlein des Odenwalds, und das Blätterrauschen geht von Süd gen Nord und von Nord gen Süd im selben Wald. Ist das nicht, als schüttelten wir uns wie nur je die Hände?«
Kam ein Brieflein, so gab es Martin Opterberg auch Christoph Attermann zu lesen, und wenn der Freund nach Tagen fragte, ob dem Theresel auch geantwortet sei, und erfuhr, daß der Martin noch nichts zu berichten gewußt habe, so setzte er sich selber hin und füllte manchen Bogen mit der Beschreibung des gemeinsamen brüderlichen Lebens. So kam es, daß Therese Baumgart letzthin ihre Briefe an die beiden Freunde zusammen richten mußte, an den fleißigen Schreiber und an den fröhlichen Kartengrußsender.
Als die Freunde zum erstenmal nach Heidelberg gefahren waren, hatten sie das Theresel am Bahnhof kaum erkannt; so blaß und schlank war es von allem Studieren geworden. Aber die Wiedersehensfreude loderte mächtig in seinen Augen.
»Mädel, Mädel, hab deiner Schönheit acht,« rief Martin Opterberg und schwang des Mädchens Hände hin und her. »Das Stubenhocken schafft’s nimmer. Der Wald muß hinzu.«
»Hab deiner Gesundheit acht,« sagte Christoph Attermann und wußte nicht, wie ihm das »Du« über die Lippen gesprungen war, bekam einen flammenden Kopf und wollte sich entschuldigen.