Der Professor war ein schwerbeleibter Mann geworden, aber die faltigen Säcklein unter den Augen rührten nicht von Tränen her. Mit dröhnender Stimme begrüßte er die Angekommenen, als sei er der Herr der Weinlaube, und rief seine Damen auf, das Willkommglas darzubringen. Quecksilbern wie vor Jahren kam die immer noch zierliche Frau Hadwiga dem Gebote nach und reichte unter einem Schwall von Worten Christoph Attermann das Glas, während Sabine im schwarzen Gelock stumm das Glas Martin Opterberg bot. Aber die Augen des zigeunerhaft schönen Geschöpfes, das sich wie eine Weide zu dem jäh Erstaunten bog, hefteten sich scheulos, bettelnd und heischend, an den aufflackernden Blick des Mannes.
»Wie alt bist du jetzt, Sabine?«
»Bald Siebzehn.«
»Ei, da hab’ ich mich verrannt mit dem ›Du‹.«
»Ich kann’s ja auch zu dir sagen.«
Das ging hastig von den Lippen.
Sie saßen dicht beieinander, und der Wein funkelte in den Gläsern und funkelte bald in den Augen. Wenn Martin Opterberg eine Bewegung machte, streifte er das schlanke Mädchenknie, wenn Sabine ihm das Glas hinhielt, streifte sie mit der Fingerspitze seine Hand. Ihre Augen hingen heimlich immerdar an den seinen, aber in der Heimlichkeit, die es ihn fühlen ließ und ihm das Blut durcheinander wirbelte, daß er nur noch das berückende Mädchen spürte und nichts mehr von der zigeunernden Barthelmeßtochter.
Und nun stiegen die Rheinlieder und die Weinlieder und die Liebeslieder im Gefolg zu dem mondscheinhellen Rheingauhimmel, und ein Händedrücken hob an, und die Alten wollten die Jüngsten sein. »Denn dies ist die letzte Zaubernacht am Rhein,« rief Herr Arnold Opterberg, »und wir wollen sie ausschlürfen bis zur Neige, bevor uns der Herbst verjagt!«
Eine Mondscheinfahrt schlug er vor. »Zum seligen Abschluß!« Und alle drängten sie jubelnd ihm nach an den Rhein. Und Arnold Opterberg sprang wie ein Jüngling als erster in den Kahn, stand hochaufgereckt auf der Steuerbank und schwang sein Glas dem Märchenzauber des Rheins zu. Der Arm stand in der Luft. Das Glas schlug klatschend aufs Wasser. Arnold Opterbergs Augen schlossen und öffneten sich. Standen weit auf, als sähen sie ins Unsichtbare. Und der Körper sank hintüber und wurde vom Rhein weggerissen.
»Ein Schlag! Ein Schlag!« schrie Professor Barthelmeß und umklammerte Frau und Tochter.