Die Ruhe der Mutter ging im selben Augenblick auf die erschütterten Söhne über. Aufrecht und ernst standen sie in ihrer gebräunten Männlichkeit neben Frau Christiane Opterberg, die mit leisen und festen Worten die Gutsknechte anwies, den Sarg aus dem Wagen zu heben und mit Sorgfalt auf das mitgeführte Fuhrwerk zu tragen. Zwischen ihren Buben schreitend, folgte sie dem langsam dahinrollenden Gefährt auf der ackerumsäumten Landstraße. Keine Träne floß aus ihren klarblickenden Augen, kein Klagewort quoll ihr über die Lippen. Ihr Schmerz um den Toten in der schwarzen Lade war ihr zu heilig, um dem zusammengeströmten Volk ein Schauspiel zu bieten.

»Ich weiß genug aus eurem Telegramm und aus eurem Eilbotenschreiben,« sagte sie daheim und strich den Söhnen über den Kopf, »genug, um die Einkehr einer friedsameren Stund’ abzuwarten, in der ihr mir geruhiger als heut erzählen könnt und ich geruhiger zuzuhören vermag. Haltet eine stille Umschau im alten Heimathaus und legt euch frühzeitig schlafen. Ich seh’s euch an, daß ihr viel nachzuholen habt.«

Die beiden gingen, und Frau Christiane rief sie an der Türe an. Als sie sich umwandten, stand die Mutter hinter ihnen und zog mit einer starken Bewegung ihre Köpfe fest an ihre Brust. Und während sie erst den einen und dann den anderen küßte, murmelte sie: »Weil ihr euch nicht besonnen habt, euer lebendiges Leben an einen Toten im Strom zu wagen. Ihr beide — ihr beide! Ihr habt ihn mir noch einmal geschenkt.«

Dann ging Frau Christiane aufrecht hinüber in die Kammer, um die letzte lange Aussprache zu halten mit ihrem Toten, den sie in seiner Mannesschöne heißer geliebt und in seinem leichten Sinn mehr und mütterlicher umsorgt und gestützt hatte, als es dem Lebenden je zum Bewußtsein gekommen war.

»Zu verzeihen haben wir uns nichts mehr, Arnold. Was den einen am anderen nicht gefreut haben mag — wer will sagen, ob es nicht gerad des anderen stärkste Persönlichkeitswerte dargestellt hätt’ in einer anderen Zusammenstellung. Eins aber ist darüber hinaus als eine Restsumme geblieben, die ihre Zinsen trägt: das ist der Dank deines Weibes für dennoch viel Liebe, Güte und sonnige Fröhlichkeit, die du in mein Leben hineingetragen hast.«

Und die Nacht hindurch rief sie in ihren Gedanken alle die hellen Tage aus Brautzeit und Ehe wach und vergaß die dunklen — —

Am nächsten Morgen wurde Herr Arnold Opterberg auf dem nahen Dorffriedhof zur endlichen Ruhe beigesetzt. Die Knechte und Mägde des Gutshofes umstanden das Grab, aus Dörfern und Städten waren die Teilnehmenden erschienen, und selbst aus der Schweiz war ein starker Zuzug erfolgt. Das freute Frau Christiane im Herzen für den, der unten im Grabesgrund lag und trotz seines unsteten Lebensdranges stark und mächtig genug gewesen war, über so viel Freundschaft zu gebieten.

Die Schollen waren niedergefallen. In langer Reihe zogen Nachbarn und Fremde an den Opterbergleuten vorüber und drückten ihnen die Hand. Schon sehnten sie das Ende der gleichförmigen, den Sinn immer mehr abstumpfenden Trauerbezeugungen herbei, als Frau Christiane auffuhr, weil ein fiebriges Lippenpaar sich auf ihre Hand gedrückt hatte, und Martin Opterberg schier fassungslos aufschluchzte, als er eine Sekunde lang eine eiskalte Mädchenhand in der seinen spürte. Durch Christoph Attermanns Augen aber ging ein Leuchten. Denn das schwarzgekleidete Mädchen, das auch ihm die Hand gedrückt hatte und nun im Schwarm der heimstrebenden Trauergäste auf der fernen Landstraße dahinschritt, war Therese Baumgart gewesen.

»Laßt sie,« sagte Frau Christiane. »Sie hat, was auf keinem Seminar der Welt zu erlernen ist; sie hat die Zurückhaltung der echt adligen Menschen, die reich machen, weil sie ohne Worte reden. Sie wird zur rechten Stunde wiederkommen.« —

Christoph Attermann war daheim in den Garten gegangen, der in Felsstufen zum brausenden Rheine fiel, und saß auf der alten Holzbank, den Blick auf den strömenden Wassern. Eine Woche war vergangen, seit sie Herrn Arnold Opterberg hinausgetragen hatten, und der Herbststurm pfiff über das schwarze Land. Fröstelnd saß er und doch in ruhigem Abwarten. Denn droben in Herrn Arnolds geliebtem Turmzimmer wußte er Martin mit Frau Christiane, und er hatte sie alleingelassen, um ihnen eine Aussprache unter vier Augen zu schaffen.