Martin Opterberg saß, die Arme aufgestützt, am offenen Giebelfenster. Die Herbstwinde hatten die Luft durchsichtig rein gefegt. Die Schwarzwaldberge rückten so nahe heran, daß man auf den Matten die Weiler zählen konnte, und die Alpen türmten sich in lastenden Ketten übereinander.

»Es treibt dich hinaus, und ich lob’ es,« sagte Frau Christiane und blickte, dicht neben ihm stehend, in die frostige Weite. »Gewiß hat dich die Dienstzeit bei den Pionieren in der werktätigen Ausübung deines Berufs geschult und gefördert, aber daß der Geist mehr zu lernen hat als die Hand, das versteh’ ich. Also nach Darmstadt geht’s nimmer?«

»Die fünf Semester dort genügen mir, Mutter. Wenn’s dir recht ist, geh’ ich nach Berlin; ich mein’ Charlottenburg. Ich wüßt’ mir nichts besseres zum Schaffen.«

»Du willst fort — vom Rhein?«

»Mutter, ich muß das Bild erst aus meinem Kopf verloren haben.«

»Das — vom Vater?«

Martin Opterberg nickte. Sein Blick haftete in den Fernen. Und unvermittelt erzählte er.

»Weißt, Mutter, als wir über den Rhein nach Rüdesheim kamen, der Christoph und ich, und der Vater uns erwartete und zum Barthelmeß brachte, da sahen wir’s ja gleich, daß die Herren drei Tag’ Rheingauer-Sonntag gemacht hatten, und die Nächt’ nicht zu rechnen. Aber der Vater hatte’s ja doch geübt seit der Düsseldorfer Jugendzeit an, und es tat ihm nichts und machte ihn nur sprühender und sieghafter, als wär’ er der Jüngste und ging’ erst drauf los, die Welt zu erobern. So gab ich nichts darum, und daß der Barthelmeß die Geberlaune des Vaters ausnutzte und immer noch edlere und heißere Sorten auftischen ließ, achtete ich auch nicht, denn die Sabine war ein wirklich schönes und liebenswertes Mädchen geworden, und es war dem Kind zu gönnen, daß es einmal etwas anderes vom Leben erfuhr als das Leben von Vater und Mutter.«

»Darum,« sagte Frau Christiane.

»Ja, darum, und weil es mir selber Spaß machte, zu sausen und zu brausen, und weil ich mein Blut spürte und nicht fragen und nur warm sein wollt’. Jetzt, nach zwei Wochen, weiß ich’s als gewiß, ich wär’ in der Nacht toller geworden als der Vater, und ich hätt’s mir am anderen Tag vielleicht nicht verzeihen können, denn ich hatt’ das Mädel schon ganz rappelköpfisch gemacht.«