»Ich denk’, das Mädel dich?«

»Mutter, das Kind! Und ich war schon gebrüht und gebeizt durch sieben Studentensemester in Freiburg und Darmstadt und das Pionierjahr in Mainz, das auch nicht lauter Katechismusunterricht war. Ich beschönige dir nichts, Mutter. Ich war wie vom Teufel besessen an dem Abend, und wohl daher um so mehr, als mir der Barthelmeß und sein Weib so widrig waren — und da geschah’s.«

»Was geschah?«

»Daß der Vater auf die Steuerbank stieg und ein Hoch auf das heiße Leben ausbringen wollt’. Und dann stand sein Arm in der Luft. Und seine Augen wurden leer und sahen doch mehr als wir. Aber der Arm stand immer noch steil in der Luft. Wie ein Warnungszeichen: Halt, Martin! Keinen Schritt weiter! Hier geht’s ins Wasser! Und dann versank er rücklings.«

Martin Opterbergs Augen suchten die jungen Wasser des Rheins. Als sähe er das Bild wiederkehren und käme nicht los. Frau Christiane blickte auf ihres Buben wirres Blondhaar und sprach nicht eine Silbe.

»Mutter, da hat mich das Grausen gepackt. Und ich meinte, auch ich sähe mehr als bisher. Oder es war mir doch später so, als hätt’ ich’s gemeint. Denn zunächst wußte ich, und der Christoph mit mir, nichts anderes als: hinein in die Flut und den Vater geholt. Und das glückte denn auch. Ja, Mutter, so war’s. Und nun wirst du verstehen, daß ich fern fort möcht’ und nichts als Studium und Arbeit haben, um das Gleichgewicht wiederzufinden.«

Ganz sacht streichelte Frau Christiane ihrem Buben die Schulter.

»Es war ein Unglücksfall, Martin. Ein schwerer und fürchterlicher gewiß. Aus dem heißesten Leben in den kältesten Tod — das erzeugt Schreckbilder in jedem, der’s mit ansehen muß, und legt an seine eigenen irdischen Gedanken plötzlich Riesenmaßstäb’ an. Es war der schwere Wein und die seit Tagen überfüllten Adern. Da kam es zum Schlagfluß. Jedem anderen wär’s geschehen.«

»Den steilen Arm redest du nicht hinweg,« murmelte Martin Opterberg.

»Ich will’s auch nicht, Martin. Es soll ein jähes Erwachen und Überblicken gewesen sein. Und wenn es ein Warnzeichen gewesen wär’. Das Blut des Vaters ging oft rascher und unbändiger, als zu Zeiten gut war, und wenn’s ihm selber Freude schaffte, so schuf es den anderen oft Herzeleid, ohne daß er’s recht ahnte in seiner Fröhlichkeit. Gut, nimm’s als ein Warnzeichen, mein Bub. Aber vergiß nicht: du bist aus dem Blut von Vater und Mutter entstanden. Und die Mutter bringt nicht nur das Kind zur Welt, sie speist es all sein Lebenlang mit ihren besten Säften und Kräften, wie die Quelle, die wir in eurer Kinderzeit hoch droben im Gletscher fanden, unaufhörlich den jungen Rhein speist, und flöß’ er noch weiter als durch Deutschland und Holland ins Meer.«