»Und da willst du mich wohl gar auf dein Studentenstübchen holen kommen, Liebchen?«
»Ah,« lachte Therese Baumgart, über den Gedanken belustigt, »das hätt’ ich mir allein gar nicht auszudenken gewagt. Aber hierbleiben möcht’ ich, wenn ich darf, bis über den Weihnachtsabend, und am ersten Feiertag nach Karlsruhe reisen zum Lindele.«
»Das Lindele feiert wohl im Stift seine Weihnachten?«
»Ja, aber ich darf es besuchen und mit ihm spazieren laufen und Schlittschuh fahren, so oft ich will. Ich miet’ mir immer ein Ferienstübchen in Karlsruhe.«
»Jetzt geht’s zu Tisch,« gebot Frau Christiane, »und des Morgens wird ausgeschlafen bis in den hellen Tag, denn auf die Felder können wir nicht, oder nur mit Schneeschuhen. Schenk den Tee ein, Kind. Und reich mir die Sahne. Ich will mich einmal recht von dir verhätscheln lassen.«
Allerlei Handreichungen ließ sich Frau Christiane tun und erfand täglich neue, um das Mädchen im Glauben zu halten, es sei ihr eine große Hilfe, während sie doch von Morgen bis Abend insgeheim an ihm herumsorgte, striegelte und fütterte, bis die Mädchenwangen sich röteten und die Augen den alten Glanz hatten.
Am Tage vor dem Heiligen Abend fuhr Frau Christiane mit der Bahn nach Freiburg, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu tun. Aber am Basler Bahnhof stieg sie in den Schnellzug nach Karlsruhe, und als sie in der Nacht heimkehrte, durfte Therese Baumgart nicht durch den Türspalt spähen. »Das Christkindchen ist im Haus,« neckte Frau Christiane und blieb auch den nächsten Tag geheimnisvoll, bis in der Dämmerstunde das silberne Klingeln durchs Haus lief, das alle Gutsangehörigen zur Bescherung lud.
Auch auf Therese Baumgarts Platz lagen vielerlei Gaben der Liebe, und das Mädchen, das seit Jahren gewohnt war, sich seinen Weihnachtstisch selber zu decken, bedankte sich in größter Glücksverwirrung.
»Ei,« sagte Frau Christiane, »du hast mir durch dein Kommen und Meingedenken ein so groß Geschenk gemacht, daß es mit der Handvoll Sächelchen doch arg gering vergolten wär’. Dazu bedurft’ es nicht eigens der gestrigen Fahrt. Das Hauptgeschenk harrt unter dem Tisch. Knie dich einmal nieder, Kind.«
Therese Baumgart kniete nieder und lüftete das weiße Tafeltuch, das bis zum Boden niederhing. Und dann fuhr ihr Oberkörper mit einem Ruck unter das weiße Tafeltuch, und aus dem Zelt hervor drangen Worte des Entzückens, der Fröhlichkeit und Seligkeit, aber nicht einstimmig, sondern zweistimmig, und unter dem Gabentisch kroch ein zwölfjährig Mädchen hervor, ein getreues Abbild der Therese Baumgart, nur rascher und lustiger in Wesen und Augen, und nun war auch Therese Baumgart auf den Füßen, starrte Frau Christiane wie eine Erscheinung an, erwachte und schlang ihr stürmisch die Arme um den Hals.