»Hab’ ich’s Rechte getroffen, Theresel? Ich mein’ fast, es schmeckt noch besser als ein Paket Basler Leckerli.«

»Jetzt versteh’ ich den Christoph Attermann,« murmelte die Glückliche am Halse der Frau.

Das Lindele hatte Ferien erhalten bis nach dem Dreikönigstag. Frau Christiane hatte sie ihr ausgewirkt. Und vierzehn volle Ferientage kam kein Buch und keinerlei Arbeit in Therese Baumgarts Hände und nur das im Haus und Gutshof herumjubilierende Schwesterchen. Das hatte Frau Christiane zur Bedingung gemacht.

»Red mir nicht von Dankbarkeit,« sagte die geruhige Frau, der das klare, gelbe Haar den Schein der vollen Sommerherrlichkeit verlieh. »Mir hat die kleine Linde zum mindesten so wohlgetan wie dir. Gerad in meiner Ehe hat ein Mädelchen gefehlt. Die Buben kann man aufrecht erziehen, aber nicht huscheln und kuscheln, wenn’s einem mal heiß in die Kehle steigen will. Weißt, Theresel, ein Mädelchen, das ist immer schon wie eine kleine Mitschwester, und nun bring mir das Lindele jede Ferien.«

Der Handschlag, den Therese Baumgart darauf leisten mußte, wurde die kommenden Jahre getreulich eingelöst.


Die Jahre aber gingen ihren Gang und brachten Aussaat und Ernte trotz Frost und Hagelwetter und Hoffnungen und Erfüllungen den Menschen trotz mancher verwehten Frühlingsblume, wie es der stete Lauf des Lebens, der über Erschütterungen lächelnd dahingeht, bedingt. Die Opterbergsbuben blieben an der Arbeit und schlugen sich zu Männern durch, leichter oder schwerer, je nach Art und Veranlagung, und Frau Christiane schrieb im Monat jedem einen Brief. Nicht mehr. »Man muß den Menschenkindern Zeit lassen, einander etwas Erfreuliches zu berichten,« pflegte sie zu sagen, »sonst quält sich Häcksel aus den Köpfen, und der ist gut für die Gäul’.«

Martin Opterberg war noch nicht wieder heimgekehrt. Er wollte einen Studienabschluß haben, und die Ferien verbrachte er, wenn er nicht gerade eines Winters zum Besuch der Theater und Konzerte Berlins bedurfte, auf Reisen, die ihn oft bis hinauf in das industriereiche Schweden und in das holzbestandene Norwegen führten. Seiner Mutter schrieb er freundliche Sohnesbriefe, aus denen Frau Christiane mit sicherem Auge das herauslas, was nicht darinnen stand: die immer noch nicht gebändigte Unrast und die Enttäuschung an den errungenen Freuden der Welt.

»Gut so, denn dazwischen liegt der Ausgleich,« sagte Frau Christiane und bündelte den Brief zu den übrigen.

Christoph Attermann kam in festen Abständen. Er sah nach dem Ergehen der Mutter, erzählte kurz und klar von seinen Fortschritten und den Hemmungen, die es noch zu überwinden gebe, und hockte dann schweigsam lauschend an ihrer Seite wie in Kindheitstagen. Seine Züge waren fest und seine Bewegungen sicherer geworden, seitdem er ohne Martin Opterberg hauste und den Weg allein unter die Füße nahm. Das sah Frau Christiane auf den ersten Blick, und was sie von Stund an mit ihm besprach, betraf ihn allein und nicht mehr die Buben zusammen.