»Ob ich mich wohl fühle? Kann sich der Mensch anders als wohl fühlen, wenn er die Verbindung mit der Natur nicht verliert? Und der lange Ritter – und der dicke Baum – sind das nicht auch ein paar Stücklein Natur? Wir sitzen dicht beieinander, und wenn wir einen Kreis bilden, haben wir die Jugend mitten darin eingefangen. Nämlich« – und er flüsterte geheimnisvoll – »die Jugend ist nämlich das beste Stück Natur.«
Der Fax rannte, gläserbeladen, um die Tische herum. Das braune Bier schäumte über den Rand.
»Silentium!«
Der erste Chargierte stand straff aufgerichtet. Die Narben auf seiner Wetterseite leuchteten. Mit heller, klingender Stimme sprach er in das Schweigen hinein. Er begrüßte die alten Herren, er begrüßte Aktive, Inaktive und Verkehrsgäste, er begrüßte die neu angemeldeten Füchse. Es war eine Rede, wie sie seit Jahren zum Semesteranfang gehalten wurde, und doch wirkte sie frisch und neu, weil sie immer wieder aus einem frischen Munde kam und neue Begeisterung den Atem befeuerte. »Wir singen das Lied: Stoßt an, Marburg soll leben! Die Musik spielt den ersten Vers vor. Silentium … das Lied steigt.«
»Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!
Die Philister sind uns gewogen meist,
Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.
Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!«
Aus jungen Kehlen brauste das Lied zur Saaldecke, und die Bässe der alten Herren malten so kräftig den Untergrund, daß die starr ins Kommersbuch blickenden Keilfüchse Mut faßten, sich aus ihrer Unsicherheit heraustasteten, die tragende Woge des Gesanges erreichten und plötzlich verwegen im Meer der Töne herumschwammen. Der dicke Baum lag, die Hände über den schweren Leib gefaltet, zurückgelehnt im Sessel und sang auswendig. Der lange Ritter hielt das Liederbuch mit der Linken und schlug mit der Rechten den Takt auf seines Konfraters Lindner Knien. Der lächelte beim Singen selig, als sähe er den Himmel offen. Und Professor Kreuzer schaute ringsum in die Augen der alten Freunde und des jungen Nachwuchses, fand nur leuchtendes Licht in den Augen hüben und drüben, fühlte, wie es ihm selber heiß in die Blicke stieg, sah Buntmützen und Dreifarbenbänder, die Vergangenheit Wiederkehr halten, die törichte, seligmachende, frühlingsdurchduftete, griff mit der Hand in die Luft, als müßte er sie halten, fest, fest …
»Stoßt an! Frauenlieb lebe! hurra hoch!
Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt,
Der hält auch Freiheit und Freund nicht wert,
Frei ist der Bursch!«
Frei, frei, frei! Stoßt an! Vaterland! Manneskraft! Freies Wort! Kühne Tat! Stoßt an – Burschenwohl lebe! Frei ist der Bursch.
Und drunten Marburg zu Füßen, und droben das Schloß, und ringsherum die ganze weite Welt mit ihren nie aufzuzählenden Frühlingswundern, die dennoch nur den glücklich machen, der sich nimmer des Zählens begibt.
»Bis die Welt vergeht am jüngsten Tag,
Seid treu, ihr Burschen, und singt es nach:
Frei ist der Bursch!«