»Und – nachher?« fragte der Mann an ihrer Seite: »Und dann?«
»Und dann gab es eine schreckliche Szene mit meiner fünf Jahre älteren Cousine Marianne, die mich ein kokettes dummes Ding schalt und dich einen leichtsinnigen Couleurburschen, dessen große Fähigkeiten mit Gottes Hilfe auf den rechten Weg gebracht werden müßten. Und das Leben wäre kein Rosenpflücken, sondern ein Dornenweg.«
»Und das glaubtest du?«
»Hast du es etwa nicht geglaubt? Fort warst du von Marburg und trugst Mariannens Ring und Siegel statt des goldnen Dichtersinnes – denn ehrlich, alter Klaus, das schmale Bändchen Gedichte, das du als Student in die Welt schicktest, ist mir heute noch lieber als die dicksten Bände Literaturgeschichten, die dir später einen so hohen Namen machten. – Ja, fort warst du, wurdest Doktor, Professor gar, saßest mit fünfundzwanzig Jahren auf dem Lehrstuhl und im Ehehafen.«
»Und du?« fragte er hastig.
»Ich, Klaus? Ich war ja, wie Marianne sagte, ein kokettes dummes Ding, und die Couleur hatte es mir nun einmal angetan. Der Hans Werder war nicht wie du, aber er gab sich doch alle Mühe, so zu scheinen, und mir schien er daher auch so. Nachher, wie ich den Unterschied merkte, und daß heißes Blut noch lange keine heiße Seele ist, siehst du, da hatte ich das heiße Blut nun schon mal gern gewonnen, und als der verliebte Bursche durchs Staatsexamen fiel, heiratete ich ihn zum Schrecken der ganzen Familie. Nun,« fügte sie nachdenklich hinzu, »er wäre auch ohne dies und zum zweiten und dritten Male durchs Examen gefallen, denn außer Liebesabenteuern wußte er in der Tat recht wenig, und ich habe ihn doch noch ein Dutzend Jährlein über Wasser gehalten.«
»Es müssen schwere Zeiten gewesen sein, Traud.«
»Er hat nichts davon gemerkt, Klaus. Er war der geborene Zigeuner, und weil ich ihn nahm, hielt er mich auch dafür, das ist ja so klar. Durfte ich ihn enttäuschen? Der Mann muß daran glauben, daß er der Führer und Lenker des Frauenherzens ist, er muß an seine Liebeskraft glauben. Und dann glauben wir auch an ihn, so wenig wundergläubig man mit der Zeit wird.«
Klaus Kreuzer war stehen geblieben: »Aber die Sorgen, die Sorgen des Lebens?«
Sie standen im blühenden Gold der Sträucher, und der Wald wölbte sich über ihnen und streute aus den Wipfeln wilder Obstbäume silberne Blätter auf sie herab. Trauds Hände spielten in den Zweigen des Gesträuchs, und ein Regen goldener Blüten rieselte durch ihre Finger, als wäre sie eine Goldmacherin, von der die Märchen erzählen.