Und ward ein Ritter hoch zu Roß
und ward des Lachens kund.
Das tat dein Herz, das überfloß,
Das tat dein Aug' und Mund.
Und wenn im Feld die Raben schrein,
Im Zorn der Donner grollt:
Ich schau' mit deinen Augen drein –
Da liegt die Welt in Gold.
Traud las das Blatt, faltete es zusammen und ging durch das Haus. Überall öffnete sie die Fensterläden und ließ an Licht und Luft in die Räume, was hineinwollte, und im Gärtchen schnitt sie einen Fliederstrauß und stellte ihn auf den Tisch in Walters Zimmer. In froher Geschäftigkeit verbrachte sie den Tag, und als am Nachmittag die Hausarbeit geschehen war, kleidete sie sich hübsch und festlich an und setzte sich vor ihr Klavier. »Jetzt mach' ich meinen Ausflug,« sagte sie, und die Töne zogen wie eine Schar Wandervögel zum Fenster hinaus, und ihre Seele war mitten darunter und schwang sich an die Spitze und zeigte den Weg. Und es wurde Abend und Nacht. Und sie erwachte in ihrem Stübchen, dachte, noch halb im Traume, angestrengt hin und her, ermunterte sich und machte Licht. Auf bloßen Füßen huschte sie zu ihren Kleidern, suchte ein zusammengefaltetes Blatt hervor und huschte in ihre Kissen zurück. Das Licht blieb brennen, bis es tagte, und sie hatte alle die Zeit offenen Auges hineingeblickt. Und doch war sie frischer und gesunder denn je, als sie sich zum neuen Tagewerk erhob und schnell ein Frühstück für Walter rüstete, der in die Fechtstunde mußte.
»Heraus, Langschläfer, das Leben läuft dir weg!«
»Ach, Tante Werder – es ist so mollig im Bett.«
»Draußen steht ein bildhübsch Mädchen und schaut sich nach deinem Fenster die Augen aus.« Sie horchte und lachte: »Wie er plötzlich herauskann und sich sputet. Man muß nur an die Stelle der Gewohnheit die Erwartung setzen.«
»Guten Morgen, Walter. Jetzt ist das Mädel weg. Dafür hast du aber den ganzen Gottesmorgen gewonnen.«
»Ach – Tante!«
»Tröste dich, Walter, es gibt mehr hübsche Mädel als schöne Morgen.«