»Es wäre besser, der Mann hätte sie.«

»Mann und Frau sind eins, sollen es überall sein und sind es auch hier. Exzellenz sagten mir, daß der Minister einen starken und berechtigten Mißmut über dein Zaudern nicht unterdrücken könne, da er sich von dir als dem ersehnten Mitarbeiter, von deiner eindringlichen Kenntnis der gesamten Materie und deiner überzeugenden Beredsamkeit eine beschleunigte Annahme seiner Schul- und Universitätsvorlage verspräche. Exzellenz waren überdies so liebenswürdig, mich für die Ferien auf ihr ostpreußisches Gut einzuladen.«

»Da gratuliere ich. Denn das war wohl längst dein Wunsch. Im übrigen kann von Zaudern gar keine Rede sein.«

»Es freut mich, daß die Vernunft einmal wieder in dir gesiegt hat.«

»Ob es in deinen Augen vernünftig ist, weiß ich nicht, denn es ist Gefühlssache, und dies Gebiet ist von dir immer etwas stiefmütterlich behandelt worden. Mir aber sagt mein Gefühl, daß es viel wichtiger ist, als immer neue Schulvorlagen zu entwerfen: Männer zu haben, die den Geist ihrer Lehrermission richtig erfassen, die sich nicht an das alleinseligmachende Schema und die Bewältigung des Unterrichtsgegenstandes klammern, sondern die der Jugend geben, was der Jugend ist, die Freude am Leben und damit die Freude an der Arbeit, die ihnen die Schönheiten des Lebens erschließt. Diese Männer sind rar geworden im lieben Vaterland, das heute unter alt und jung so viele Streber züchtet, und diesen Rargewordenen möchte ich helfen, sich wieder zu ergänzen und die Mehrheit zu gewinnen, damit es wieder eine Lust ist, zu leben.«

Marianne saß am Fenster und zog die Sticknadel durch ein Stück bunten Seidenzeugs. Kaum, daß sie von der schillernden Arbeit aufschaute.

»Du widersprichst dir selbst,« sagte sie kühl, »und ich nehme es nur als eine schöne Rednergeste. Wer mit fünfundvierzig Jahren durch sein Streben und nur durch sein Streben –«

»O bitte, verkleinere deinen Wert nicht. Durch dein Streben wohl zumeist.«

»– wer durch sein Streben so schnell zu einer so hohen Stellung kam, der hat wohl keinen Grund, den Frondeur zu spielen. Was im übrigen meine Mitarbeit angeht,« und nun legte sie ihre Stickerei zur Seite, »so darf ich wohl auf etwas mehr Dankbarkeit Anspruch erheben, denn ich habe dir durch die Festigkeit meines Charakters dein Glück geschaffen, das du in blauen Nebeln hättest verschwimmen lassen, wenn ich nicht mein ganzes Leben dafür eingesetzt hätte.«

Und er schüttelte den Kopf und sagte langsam: »Ich weiß heute oft nicht, ob du ein Recht dazu hattest, mein Leben nach deinem zu modeln, ob überhaupt ein Mensch ein solches Recht auf seinen Mitmenschen hat. Wer kann voraussagen, wie sich der andere in freier Luft auswächst? Ich wäre vielleicht ein Dichter geworden, und bin ein Professor geworden. Mein Glück? Menschenglück sieht doch ein klein wenig anders aus, als dir es vorschwebt.«