»Ach –,« machte sie gedehnt und erhob sich, »dann bist du wohl auch mit der Lebensführung deines Sohnes Walter einverstanden?«

»Walters? – Wie kommst du auf Walter?«

»Also du weißt nichts, bekümmerst dich um nichts; und das stellt deiner Pädagogik, die du soeben so schön vortrugst, das beste Zeugnis aus. Nun, ich habe es anders gemacht und in beständigem Briefwechsel mit meiner Freundin in Marburg, der Frau des derzeitigen Dekans, gestanden und seit kurzem erbauliche Dinge gehört. In den Kollegs sieht man den Jungen schon längst nicht mehr, aber seine erste Mensur geschlagen hat er schon, bevor das erste Semester zu Ende war, und mit jungen Mädchen unternimmt er weite Fahrten ins Lahntal und in die Wälder, macht Schulden und läßt sich wohl gar von seiner geliebten Tante Traud in seinem Lebenswandel bestärken.«

»Das ist nicht wahr!«

»Bitte, brause hier nicht auf. Wenn es anders wäre, hätte Traud Werder uns Mitteilung über den Jungen gemacht. Nichts davon ist erfolgt. Lobesbriefe sind gekommen. Das ist eine Moral, die ich nicht billige.«

»Traud Werder würde uns nichts verschweigen. Sie weiß, daß ich an dem Jungen hänge.«

»Fahr hin. Es wird dir gut tun, wieder einmal festzustellen, daß der Blick deiner Frau weiter reicht als deine schönen Phantasien. Da ich in den nächsten Tagen reise, so würde ich es für angebracht halten, du nähmst den Jungen mit dir in den Sommerurlaub und in strenge Zucht. Das Leben ist kein Rosenpflücken.«

Und Klaus Kreuzer dachte nur: ›Traud – das kann nicht wahr sein …‹