»Tante – Werder? Ach so. Aber natürlich.«

»Und meine Studentenbude mußt du dir auch noch ansehen. Hier, gleich neben deinem Zimmer. Die Aussicht ist doch köstlich, Papa.«

Aber Professor Kreuzer schien von der Aussicht keine Notiz mehr zu nehmen. Er war mit dem Sohne auf den schmalen Korridor hinausgetreten und stand nun auf der Schwelle des kleinen, schmucken Zimmers. Sein Blick überflog die Zimmereinrichtung, das weißüberzogene Bett, den weißen Tisch, die weißen Stühle, die lustigen weißen Gardinen. »Das ist ja ein Boudoir, Walter.«

»Hübsch, nicht wahr? Bei Tante Werder scheint es sich leben zu lassen.«

»Junge, meine Studentenbude sah ein klein wenig anders aus. Direkt unter dem Dach, bei einem alten Lederhändler. Das ganze Haus roch nach Gerberlohe, und beim Aufstieg fiel man zwei dutzendmal in die Lederrollen, bis man seine drei Quadratmeter Sperlingslust erreicht hatte. Aber schön war's doch, wenn man auch die lange Pfeife mitsamt den Kanonenstiefeln zum Dachfenster hinausbaumeln lassen mußte – um Raum zu sparen.«

Der Junge lachte.

»Na, na, Papa. Wo hättest du da studieren können.«

»Studieren. Du sagtest: studieren? Ja, das ging da eben sehr schlecht, und ich machte mich denn auch eines Tages auf nach Berlin, um – hm – wie man so sagt: mehr Ellenbogenfreiheit zu gewinnen.«

»Das ist dir gründlich gelungen, Papa.« Und der Sohn suchte die Hand des Vaters und sah bewundernd zu ihm auf.

Einen hastigen Blick warf der Professor zum Fenster hinaus. Da lag Marburg. Und er wandte sich um und schritt auf den Gang hinaus.